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22.3.2026
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aus: Wildcat 104, Winter 2019/2020

Buchbesprechung »Empty Planet« [1]

»Wir sollten damit aufhören, uns die Zukunft schlechter als die Gegenwart vorzustellen«

1968 veröffentlichte Paul Ehrlich seinen Bestseller »The Population Bomb«, 1971 erschien er als »Die Bevölkerungsbombe« auf Deutsch. Das Buch beginnt so: »Der Kampf um die Ernährung der Menschheit ist vorbei. In den 70er und 80er Jahren werden hunderte Millionen Menschen verhungern (darunter 65 Millionen US-Amerikaner), egal welche Sofortprogramme nun aufgelegt werden sollten.« Das Ende käme in den nächsten 15 Jahren; im Jahr 2000 würde England nicht mehr existieren.

Selten hat sich jemand mehr getäuscht. Oder vielleicht doch, denn der nächste Katastrophenthriller kam mit »Die Grenzen des Wachstums« schon um die Ecke, 1972 vom Club of Rome veröffentlicht. Darin wurde für die Jahre nach 2010 ein Niedergang der Produktion, für die Jahre nach 2020 ein massives Ansteigen der Todesrate durch Nahrungsmittelknappheit und für nach 2030 ein Zusammenbruch der Zivilisation vorhergesagt. Wie zuvor Ehrlich verlangten die Autoren drastische Maßnahmen zur Reduzierung des Bevölkerungswachstums, um den Zusammenbruch zu verhindern.

Der Autor, auf den alle diese Studien letztlich gründen, hat sein Hauptwerk auch in revolutionären Zeiten verfasst: Thomas Malthus veröffentlichte »Das Bevölkerungsgesetz« (Originaltitel: Essay on the Principle of Population as It Affects the Future Improvement of Society) im Jahr 1798. Er ging davon aus, dass die Bevölkerung exponentiell wachse, die Nahrungsmittelproduktion aber nur linear steigen könne; Armut und Hungerkatastrophen wären die Folge. Im 19. Jahrhundert wurde das so verstanden, dass die hohen Geburtenraten der Armen die eigentliche Ursache der Armut seien und Unterstützung für sie die Probleme nur verschlimmere. In Wirklichkeit ist es umgekehrt: Die vielen Kinder sind nicht die Ursache von Armut, sondern die Armut ist der Grund, dass es viele Kinder gibt.

Warum lagen sie alle so falsch?

Zwischen 1950 und 2010 hat sich die Erdbevölkerung mehr als verdoppelt, die Nahrungsmittelpro duktion aber verdreifacht – die landwirtschaftlich genutzte Fläche wurde dafür lediglich um 30 Prozent vergrößert

Ehrlich sagte voraus, dass die »Überbevölkerung« das Wasser und die Luft so stark verschmutzen würde, dass das Ökosystem zusammenbricht. In Wirklichkeit haben sich Wasser und Luft in den USA und in Europa deutlich verbessert. Verschlechtert haben sie sich in diesem Zeitraum in China und Indien – deren Industrialisierung ist allerdings die hauptsächliche Erklärung dafür, warum weniger Menschen Hunger leiden müssen. [2]

Warum sind den Propheten der »Bevölkerungsexplosion« die Fakten egal?

Heute leben sieben Milliarden Menschen auf der Erde, etwa doppelt so viele wie zum Zeitpunkt, als »The Population Bomb« rauskam. Auch Paul Ehrlich, Jhg. 1932, lebt noch immer, und wird häufig auf seine falschen Vorhersagen angesprochen. Bezeichnend, was er in einem Dokumentarfilm von 2015 dazu sagte: »Ja, ich habe übertrieben; aber es ging mir schließlich darum, eine Veränderung auszulösen. Heute würde ich noch apokalyptischer argumentieren. ... [Denn] die Vorstellung, jede Frau könne so viele Kinder kriegen, wie sie will, ist gerade so, als wenn jeder so viel Abfall in den Garten des Nachbarn schmeißen darf, wie er will.« [3]

Und damit sind wir genau im Zentrum der Auseinandersetzung: Es geht im Kern um die Emanzipation der Frauen! Schon immer wollten ihre Männer, ihre Familie, die Religion, die Kirche, der Staat sie zwingen, (mehr) Kinder zu kriegen. Mit jedem Stück, das sich Frauen in einem teilweise heftigen Kampf dagegen erkämpfen, sinkt die Zahl ihrer Kinder. Statistisch ist der Zusammenhang zwischen Bildungsgrad der Frauen und der Anzahl der Kinder, die sie in ihrem Leben kriegen, sehr eng. Es sind die Frauen, die darüber entscheiden, wie sich die Menschheit zahlenmäßig weiter entwickelt. Alle Propheten der »Bevölkerungsexplosion« unterschätzen – oder bekämpfen; siehe Ehrlich – die Stärke der Frauenemanzipation.

Zeitgeist oder politische Strategie?

1969, ein Jahr nach Ehrlichs »Bevölkerungsbombe«, sagten Zager and Evans mit ihrem Lied »In the Year 2525« für dann den Weltuntergang vorher. 1973, ein Jahr nach dem Bericht des Club of Rome, erschien der Film Soylent Green (deutsch: »... Jahr 2022 ... die überleben wollen«): Im New York des Jahres 2022 mangelt es wegen Überbevölkerung an Wasser, Nahrung und Wohnraum...

asser, Nahrung und Wohnraum... Viel zu oft wird gedankenlos mit »Überbevöl- kerung« argumentiert. Das geht bis zu Formulie- rungen vom »Surplus-Proletariat«, den »Überflüs- sigen« usw. bei den FreundInnen der klassenlosen ­Gesellschaft und anderen.

Wir sollten sehr genau auf unsere Begriffe achten, denn gerade in der aktuellen Ökobewegung wird wieder leichtfertig davon ausgegangen, dass es erstens »zu viele« Menschen gebe, die zweitens mit ihrem ungezügelten Konsum die Erde kaputt machen.

Die Vorstellung, die Welt sei »überbevölkert«, findet sich vor allem bei rechten Ideologen. Paul Ehrlich meinte, der Globus könne allenfalls zwei Milliarden Menschen verkraften, und wollte dieses Ziel mit staatlichen Zwangsmaßnahmen erreichen. Gianroberto Casaleggio, vor kurzem verstorbener Guru der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien, ging noch weiter: Nach einem fürchterlichen Krieg, in dem die Weltbevölkerung auf eine Milliarde Menschen reduziert wird, werde um das Jahr 2050 alles gut, die Gaia-Regierung werde die Erde übers Internet verwalten. Auch für Faschisten ist die Mär von den astronomisch hohen Geburtenraten muslimischer und/oder afrikanischer Frauen fester Bestandteil ihrer Wahnvorstellungen.

In Wirklichkeit gehen der Erde die Menschen aus

Wer sich jetzt fragt, woher ich das alles weiß: Einen Großteil der Informationen habe ich dem Buch »Empty Planet« entnommen. Dessen Autoren Darrell Bricker und John Ibbitson haben nicht nur viele Statistiken ausgewertet und Wolfgang Lutz (Forschungsschwerpunkt internationale Bevölkerungsentwicklung und Bildung) in Wien besucht; sie waren auch in einem Slum von Delhi, einer Favela in Brasilien, in Australien, China, Brüssel, Nairobi und Südkorea und haben dort mit gebildeten Akademikerinnen und Frauen aus der Unterschicht gesprochen. Durchgängig fällt dabei auf, dass die Antworten, die ihnen die Frauen auf die Frage geben, wie viele Kinder sie bekommen wollen, sehr nahe an den Werten liegen, die man durch komplizierte statistische Berechnungen rauskriegen kann.

Asien altert

Die »demografische Dividende« (viele junge, arbeitsfähige Menschen) ermöglichte vielen asiatischen Ländern einen großen wirtschaftlichen Sprung nach vorn. Sie hat sich inzwischen aber in eine demografische Bremse verwandelt (viele Alte, wenige Junge). Die beiden kanadischen Autoren gucken sich Japan, Südkorea ... an, der argumentative Schwerpunkt liegt natürlich auf Indien und China, die zusammengenommen mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung ausmachen.

Japan ist die älteste Gesellschaft der Erde; 2010 lebten dort 128 Mio. Menschen, fünf Jahre später waren es knapp eine Million weniger. 2050 werden es noch 100 Millionen sein. Denn bereits heute leben dort mehr 40- als 30-jährige Frauen und mehr 30- als 20-jährige. Die Fertilitätsrate in Japan ist 1,4, in Südkorea 1,2 [damit eine Bevölkerung stabil bleibt, muss sie in modernen Gesellschaften mit geringer Säuglings- und Kindersterblichkeit bei 2,1 liegen]. Das Bild ist in großen Teilen Asiens ähnlich; in Hongkong und Singapur ist die Rate wohl bereits unter 1 gefallen.

»China wird zu Japan, der einzige Unterschied ist: Japan wurde reich, bevor es alt wurde. China wird dieses Glück nicht haben.« (S. 158) Sehr lange hatte der chinesische Staat Anreize gegeben, weniger Kinder zu kriegen. Als die Fertilitätsrate 1979 bereits auf 2,6 gefallen war, führte Deng Xiaoping die Einkindpolitik ein. Heute haben viele chinesische Familien nur ein Kind, die Chinesen sind durchschnittlich 38 Jahre alt, auf 120 Jungs kommen 100 Mädchen. Zudem gibt die Hälfte der chinesischen Frauen an, sie oder ihr Partner sei sterilisiert. 2040 wird ein Viertel aller ChinesInnen im Rentenalter sein, im Weltdurchschnitt werden es 14 Prozent RentnerInnen sein. Chinas Bevölkerung wird nicht langsam abnehmen, wie die UN glaubt, sie wird sehr wahrscheinlich kollabieren. (S. 183) Das Ganze wird dadurch verschärft, dass China, Japan und Korea praktisch keine MigrantInnen ins Land lassen.

Indien

Neben der Verstädterung ist die Emanzipation der Frauen der wichtigste Faktor für die zurückgehenden Geburtenraten. In Indien leben noch zwei Drittel der Bevölkerung auf dem Land und die Frauenunterdrückung ist massiv. Trotzdem ist auch hier die Geburtenrate inzwischen unter 2,1 gefallen (vgl. S. 164-172). Falls ein Land in der Lage sein sollte, die USA als Welthegemon abzulösen, dann sei das Indien und nicht China, behaupten die Autoren und erklären das mit der noch niedrigeren Geburtenrate in China.

Die internationale Migration nimmt ab...

Flüchtlingsbewegungen machen nur einen kleinen Bruchteil der globalen Migrationsbewegungen aus. »1990 machten sich 0,75 Prozent der Weltbevölkerung auf den Weg, 2010 waren es noch 0,6 Prozent.« (S. 142) Wir werden sesshafter – während es noch nie so leicht wie heute war sich fortzubewegen. Zur Zeit der großen irischen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts kam durchschnittlich ein Fünftel derer, die in die USA auszuwandern versuchten, bei der Überfahrt ums Leben; teilweise starben 30 bis 40 Prozent einer Schiffsbesatzung. (vgl. S. 143) In den letzten Jahrzehnten ist die Migration zurückgegangen, weil es kaum noch Landstriche mit massenhafter »Surplus-Bevölkerung« auf der Erde gibt, wie etwa in Süditalien und Sizilien Anfang des 20. Jahrhunderts, von wo allein zwischen 1900 und 1915 drei Millionen Menschen nach Amerika auswanderten. Die Migrationsströme sind heute deutlich kleiner als die in der Mitte der 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts oder nach dem Zweiten Weltkrieg, als 14 Millionen Deutsche vertrieben wurden (und eine halbe Million dabei umkam). Vielleicht gab es in der Spitze 2015 tatsächlich mehr Flüchtlinge als 1945 – aber dazwischen hatte sich die Erdbevölkerung auch verdreifacht. Von krassen Fällen wie Syrien, Irak, Afghanistan, Sudan und Libyen abgesehen ist die internationale Migrationssituation seit einigen Jahrzehnten stabil; es gibt keine Migrationskrise. Aus den USA sind seit der globalen Krise 2008 mehr Leute nach Mexiko und Lateinamerika zurückgegangen, als von dort neu ins Land gekommen sind. (S. 148f.) Von den 27 Millionen internationalen MigrantInnen in den letzten 25 Jahren in Europa wurde fast die Hälfte in Europa geboren – und ohne Zuwanderung der anderen Hälfte wäre die Bevölkerung in Europa bereits seit 2000 geschrumpft.

Paradoxerweise entwickeln sich vor allem in den Ländern, deren Bevölkerung stark zurückgeht, fremdenfeindliche Meinungen und Bewegungen, z.B. in Italien, Russland, Ungarn und Rumänien. Rumänien hat eine Geburtenrate von 1,3 plus eine sehr starke Abwanderung. Ungarn wird in den nächsten Jahren 20 Prozent an Bevölkerungsstärke verlieren. Italien hat seit den 80er Jahren eine Geburtenrate zwischen 1,2 und 1,4. Auch in Ostdeutschland wird in Landkreisen mit schrumpfender Bevölkerung besonders oft AfD gewählt.

... die Landflucht bleibt hoch

All diese Migrationsbewegungen werden überlagert vom ungebrochenen Wanderungstrend vom Land in die Stadt, der die Welt grundlegend verändert. 2007 lebten zum ersten Mal mehr Menschen in den Städten als auf dem Land, 2050 werden es zwei Drittel sein. Die Verstädterung ist die wichtigste Erklärung des Geburtenrückgangs. Denn hier kommen mindestens zwei weitere Faktoren zusammen: Auf dem Land sind Kinder zu sätzliche Arbeitskräfte; in der Stadt sind sie zusätzliche Esser. In der Stadt haben Frauen mehr Zugang zu Bildung und die Bedeutung von Religion und Familie nimmt ab. Während auf dem Land die Familienstrukturen die Frauen dauernd ermahnen, ihrem Rollenbild gerecht zu werden, früh zu heiraten, (viele) Kinder zu kriegen usw., sind die Kontakte in der Stadt eher solche zu Nachbarn und Arbeitskollegen. »Und hast du schon mal erlebt, dass dich ein Arbeitskollege auffordert, zu heiraten und Kinder zu kriegen?«, fragen die Autoren augenzwinkernd.

Afrika

Die Daten, von denen die Autoren ausgehen, sind nicht umstritten (siehe Kasten). Der Streit geht darum, wie schnell und wie lange die Weltbevölkerung noch wachsen wird, und hierbei geht es vor allem um Afrika. Alle stimmen überein, dass nur hier die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter in naher Zukunft noch wachsen wird (S. 105-123). Aber die Autoren fragen, warum die UN weiterhin so hohe Geburtenraten für Afrika vor­aussagen (S. 155) – wo doch auch hier ein gewaltiger Verstädterungsprozess unterwegs ist.

Sie beschäftigen sich mit Kenia, reisen in die Hauptstadt Nairobi, diskutieren dort mit Mittelklassefrauen, besuchen einen Slum. Die Geburtenrate in Kenia hat sich von 1975 acht auf heute ungefähr vier halbiert, ist allein von 2003 auf 2014 um ein Kind pro Frau gesunken! Wenn die Entwicklung so weitergeht, wäre um 2050 die Erhaltungsrate erreicht. Die Autoren führen viele Informationen dafür an, dass das womöglich schneller gehen könnte: Seit 2003 gibt es in Kenia freie Schulen; die Zahl der Unis wächst schnell; zwischen 2012 und 2014 hat sich die Zahl der Studierenden verdoppelt; in den Schulen sind Jungs und Mädchen gleich vertreten, an den Unis machen Frauen 40 Prozent der Studierenden aus; der Zugang zu Empfängnisverhütung hat sich stark verbessert...

Es gibt afrikanische Länder, denen es viel schlechter als Kenia geht und deren Geburtenraten hoch bleiben, z.B. Benin. Aber die Zukunft Afrikas werde besser sein als von den UN vorhergesagt. »Jedes Jahr gehen in Afrika mehr Mädchen in die Schule als im Jahr davor; und wir wissen, wozu das führt. Eher früher als später wird die Wiege der Menschheit deren Zahl nicht weiter erhöhen.« (S. 125)

Die USA haben in den letzten Jahrzehnten weltweit am meisten von Zuwanderung profitiert und durchschnittlich eine Million legale MigrantInnen jährlich ins Land gebracht. Daneben gab es einen zweiten Zustrom: schätzungsweise elf Millionen MexikanerInnen und Latin@s leben ohne Papiere in den USA. Bisher hatten die USA im Vergleich zu den geopolitischen Rivalen Russland und China noch eine relativ hohe Geburtenrate von 1,9. Vor allem wegen der Afroamerikanerinnen und Latinas. »Aber die Geburtenraten der ethnischen Gruppen in den USA (dazu zählen auch Ureinwohnerinnen) fallen wie ein Stein.« Die Geburtenrate der weißen Frauen hingegen ist seit 1991 bei etwa 1,8 konstant geblieben. Somit bestätigen auch die USA den weltweiten Trend, dass sich die Geburtenraten sowohl der verschiedenen Religionen wie auch der verschiedenen »Rassen« angleichen. Außerdem finden fünfzehn Prozent der Eheschließungen in den USA über »Rassengrenzen« hinweg statt; daher werde es für die Statistiker sowieso zu einer »Herausforderung«, wie sie die Realität noch in ihre ethnischen Kategorien pressen können. (S. 183).

Ausblick

»Auch wenn die gegenwärtige Erdbevölkerung die Umwelt belastet, zum Artensterben und Klimawandel beiträgt, so ist dennoch keine Apokalypse in Sicht.« (S. 32) Dabei setzen die Autoren allerdings auf die Entwicklungsfähigkeit des Kapitalismus: zunehmende Verstädterung, Weiterentwicklung der Gentechnik, bessere Batterien – und eben die zurückgehende Weltbevölkerung werden dafür sorgen, dass der Planet sauberer wird, wieder abkühlt, in den Meeren wieder mehr Fische schwimmen. (Sie sehen durchaus auch die Probleme des Bevölkerungsrückgangs: aussterbende Sprachen und Kulturen. Und sie warnen vor dem Punkt, an dem das nicht mehr aufgehalten werden kann.) Es gibt ein zweites strukturelles Problem: Die Autoren greifen oft zu ähnlichen zeitlichen Fortschreibungen wie die Statistiker, die sie widerlegen wollen, und treffen Vorhersagen für die Zukunft. Wenn eines sicher ist, dann das: Solche Vorhersagen sind komplett unsicher. (Aber es ist auch eine Art, um sehr knapp Trends darzustellen; deshalb haben wir auch in dieser Besprechung zweimal auf solche – zweifelhaften – Fortrechnungen zurückgegriffen.)

Was die Autoren des Buchs aber stark von ihren bevölkerungswissenschaftlichen KollegInnen unterscheidet: Sie gründen ihre Argumente im Wesentlichen auf das, was in den letzten zwei Jahrzehnten bereits passiert ist, und zweitens: Sie können mit ihrer breiten Feldforschung zeigen, dass die Frauen im gebärfähigen Alter weltweit den Trend zu weniger Kindern fortsetzen werden.

Es ist ein sehr facettenreiches Buch; viele Fallstudien zu einzelnen Ländern, Städten und Communities konnten in dieser Besprechung nicht erwähnt werden; Leseempfehlung! Hoffentlich erscheint es bald auf Deutsch!

Das 5-Phasen-Modell der Bevölkerungswissenschaft

Phase I (Agrargesellschaft)

Hohe Geburten- und Sterberaten, kein wesentliches Bevölkerungswachstum.

Phase II (Frühindustrielle Gesellschaft)

Langsam sinkende Sterberate bei gleich bleibender oder leicht steigender Geburtenrate; Geburtenüberschuss.

Phase III (Übergangsphase)

Die Sterberate fällt auf sehr niedriges Niveau; das Bevölkerungswachstum erreicht seinen höchsten Stand; der Großteil der ­Bevölkerung ist im Alter zwischen 15 und 65 (»demografische Dividende«)

Phase IV (Industriegesellschaft)

Die Geburtenrate nimmt sehr stark ab; das Bevölkerungs- wachstum geht zurück.

Phase V

Laut UNO sind hier Geburten- und Sterberate stabil und niedrig; das Bevölkerungswachstum ist gering und unterliegt kaum Schwankungen. Die Autoren des Buchs verweisen auf Fruchtbarkeitsraten wie in Spanien (1,2) und zeigen auf, dass nur noch durch Einwanderung die Bevölkerungszahlen stabilisiert oder wie im Fall von Kanada sogar leicht angehoben werden können.

Weltbevölkerung

Der Homo sapiens erlitt den für seine Existenz bedrohlichsten Bevölkerungsrückgang vor 75 000 Jahren, als sich nach dem Ausbruch des Supervulkans Toba (Sumatra) weltweit nur 1000 bis 10 000 Menschen retten konnten. Danach verbreitete sich der moderne Mensch von Afrika aus über alle anderen Kontinente. Bis zum Ende der letzten Kaltzeit vor 10.000 Jahren ­lebten dann etwa fünf bis zehn Millionen Menschen weltweit.

Vor 2000 Jahren gab es ca. 170 bis 400 Millionen Menschen, vor 1000 Jahren 250 bis 350 Millionen, vor 500 Jahren 425 bis 540 Millionen. Erst im 18. Jahrhundert stieg das Wachstum dauerhaft über 0,5 Prozent im Jahr, Mitte des 20. Jahrhunderts für einige Jahrzehnte sogar über zwei Prozent.

Etwa 1804 überschritt die Weltbevölkerung eine Milliarde Menschen, 1927 wurden es zwei Milliarden, 1960 drei Milliarden, 1974 vier Milliarden, 1987 fünf Milliarden, 1999 sechs Milliarden und 2011 sieben Milliarden Menschen. Seit Ende der 1960er Jahre nimmt das jährliche Wachstum prozentual wieder ab; seit Ende der 1980er Jahre nimmt es auch in absoluten Zahlen ab. Die wissenschaftliche bzw. politische Diskussion wird darüber geführt, wann der Höhepunkt erreicht sein wird, ab dem die Weltbevölkerung wieder schrumpfen wird. Die UNO erwartet ihn im Jahr 2100 mit elf Milliarden Menschen. Die Autoren des hier besprochenen Buchs argumentieren, der Höhepunkt wird deutlich früher und mit deutlich weniger Menschen kommen. Entscheidend ist dabei die »Fertilitätsrate«; nimmt man sie um ein halbes Kind niedriger an, gäbe es im Jahr 2100 nur 7,3 Milliarden Menschen auf der Erde. In der Vergangenheit lagen die Prognosen fast immer deutlich zu hoch; so ist zum Beispiel in China das Bevölkerungswachstum sehr viel stärker gesunken, als von den Experten erwartet wurde.

Fußnoten:

[1] Darrell Bricker und John Ibbitson: Empty Planet: The Shock of Global Population Decline (Englisch) New York 2019; etwa 20 Euro.
Die Überschrift des Artikels stammt von Bessma Momani, zitiert in Empty Planet auf S. 234.

[2] Zu den Fragen, wie sehr die industrielle Landwirtschaft dabei zum Artensterben beigetragen hat und dass uns Bio-Landwirtschaft alle ernähren könnte, siehe Wildcat 102 und 103.

[3] Clyde Haberman: »Retro Report: the Population Bomb?«, New York Times, 31. Mai 2015.

 
 
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