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18.06.2020

aus: Wildcat 59, Juni 1992

Aufstand in der Stadt der Engel

Der Riot vom Mai 1992 in Los Angeles

Los Angeles brennt. Und un­geachtet aller Kom­mentare − von »Rassenunruhen« bis hin zu »Verbrechern, die die Bevöl­kerung terrorisieren« − sehen wir deutlich das Lachen auf den Gesichtern der Leute, die ihr Paradies in Schutt und Asche gelegt haben...

"Am Anfang" steht ein Justiz­skandal. Nicht, daß die Bullen Rodney King halb­tot geprügelt haben − so was kommt in L.A. mehrmals am Tag vor −, son­dern daß sie freigesprochen wurden, obwohl die ganze Fernseh­nation das Vi­deo gese­hen hat, das das Gegenteil beweist. Das Verfahren war in den Vorort Simi Valley verlegt worden, einen be­liebten Alters­ruhesitz für pensionierte Bullen. Dies war nicht in erster Linie ein pro-weißes, sondern ein Pro-Bullen-Urteil. »Die Ge­schworenen dachten nicht, die Bullen seien unschuldig. Sie wußten, daß sie schul­dig waren, aber das war ihnen scheißegal«, heißt es in einem Flugblatt aus Oakland.

Die Liberalen, die etablierten "afrikanisch-amerikanischen" Organisationen, die poli­tisch einflußreiche schwarze Mittel­schicht, zu der auch Bürgermei­ster Bradley, ein Ex-Polizist, gehört: Sie alle sind empört über das Urteil. Dies eine Mal hätte der Rechtsstaat aktiv werden müssen... Aber während sie noch staunen und protestie­ren, sind schwarze und Latino-Jugendliche in South Central Los Ange­les schon zum Angriff übergegangen. Unter »No Justi­ce, No Peace«-Rufen ziehen sie zum Polizeipräsidium und bewerfen das Gebäude und die herumstehenden Streifenwagen mit Steinen. Dann laufen sie weiter in die Innenstadt und greifen Rathaus, Staats­gericht und das Gebäude der Los Ange­les Times an. Und während Mitglieder der vielen Jugend­gangs bewaffnet in "weiße" Gegenden gehen und Autos platt­machen, passiert in South Central etwas unerhörtes: Zig­tausende von BewohnerInnen des Viertels ziehen auf die Straßen und feiern einen Auf­stand. Wo die Bullen auftau­chen, werden sie angegriffen. So halten sie sich erstmal zurück und sehen nur zu.

In der ersten Nacht, am Abend des 29. April, be­schränkt sich die Revolte vor allem auf South Central − das schwarze Ghetto von Los An­geles, die Gegend mit der ge­ring­sten Lebenser­wartung, der höchsten Arbeits­losigkeit, vor allem unter Ju­gend­lichen, den meisten Schul­abbrechern. Haupt­ziele der Plünderungen und für den Haß sind die Lä­den der Viertel. Wie in den meisten proletari­schen Innen­stadt­vier­teln der USA gibt es in South Central L.A. nur wenige Läden, und die sind schlecht und teuer. Besit­zer sind oft koreanische Immi­gran­ten. Im Viertel wohnen haupt­sächlich Schwarze und Latinos (um zwei der nur be­schränkt brauchbaren ras­sisch-ethnischen Katego­rien zu be­nutzen, mit denen die Bevölke­rung der USA einge­teilt wird − und sich selbst einteilt). Aus­löser des Aufstands ist die Wut über die beson­ders be­schissene Situation der "nicht-weißen" Arbei­ter­klasse, die sich auch ideolo­gisch im schwarzen Na­tionalismus ausdrückt. Inso­fern ist es fak­tisch ein "schwar­zer Aufstand", und die Medien grei­fen welt­weit begie­rig das Schlagwort von den "Rassenun­ruhen" auf. Es wer­den auch weiße Passan­ten und Autofah­rer angegrif­fen, das sind aber eher Ausnahmeer­scheinun­gen. Stattdessen beteili­gen sich auch viele Weiße aus den um­gren­zenden Vierteln. »Ich hoffe, sie fackeln die ganze Scheiß­stadt ab­,« sagt einer am Tele­fon. Die New York Times gibt immerhin zu: »In einigen Ge­gen­den wirk­te es wie ein Stra­ßenfest, denn Schwarze, Weiße, Hispanics und Asia­ten haben sich ver­einigt, um an einem Karneval der Plün­derun­gen teilzu­neh­men. Wie die al­lermei­sten Poli­zi­sten bemerk­ten, gingen Men­schen jeden Alters und aller Arten, einige mit Kindern, in den Kaufhäu­sern ein und aus, Ein­kauf­stüten und Arme voll mit Schuhen, Spiri­tuosen, Ra­dios, Lebens­mitteln, Pe­rücken, Ersatz­teilen für Au­tos, Fußbäl­len, verschie­denen Ge­brauchs­gegenständen und Schuß­waffen. Einige stell­ten sich geduldig an und war­te­ten, bis sie an der Reihe wa­ren.«

In der zweiten Nacht greift der Aufstand auf das ganze Stadt­gebiet der riesigen Metropole über: Die ganze Stadt brennt − auch die "weißen", "Chicano-" und "asia­tischen" Viertel, und auch die BewohnerIn­nen dieser Viertel sind dabei.

Noch am ersten Abend springt der Funke auch schon auf ande­re Städte über: In San Francisco plündern hunderte von Jugend­lichen aller Hautfarben dieses Planeten das schicke Einkaufs­viertel um die Market Street. Die Fernsehbilder, die zeigen, wie sie lustvoll Boutiquensch­aufenster eintreten und aus­räumen, strafen die Kommenta­re von den "Rassenkra­wallen" genauso Lügen, wie das Prügel­video das Urteil von Simi Val­ley. Ähnliches geschieht in Seattle. Die Nachricht (schät­zungs­weise eher die vom Auf­stand in Los Angeles als die vom Urteil) löst ein Mobilisie­rungs­fieber aus, das in den Formen und der Zusam­men­setzung stark der Mobilisie­rung gegen den Golfkrieg äh­nelt. In über hundert Städten der USA gibt es kleinere Ak­tionen, zum großen Teil Pro­testde­mos gegen das Urteil. In verschiedenen Städten Kalifor­niens verlassen Schüle­rInnen und StudentInnen ihre Klassen­räume und blo­kieren Auto­bahnen (in San Diego, San Francisco, Berkeley und Oak­land) und beset­zen staatli­che Gebäude (Olympia/­Washing­ton, Eugene/Oregon und Aus­tin/Texas). Dabei sind es in den Großstädten der alten Süd­staa­ten wie Tam­pa/­Flori­da, Las Vegas, Bir­ming­ham/ Ala­ba­ma ... vor allem junge Schwar­ze... In Atlan­ta/­Geor­gia bela­gern die Bullen den Cam­pus der schwar­zen Uni­ver­sitä­ten (eine örtli­che Politike­rin sagt: »Das hat nichts mehr mit Rod­ney King zu tun. Die be­sten Studenten am More­house Col­le­ge wissen, daß sie in ei­nem Jahr bei McDonalds arbei­ten wer­den.«) Sogar nach Kana­da breitet sich die Bewe­gung aus: Eine Demo in To­ronto läuft den antirassistischen Ver­anstal­tern aus dem Ruder und geht in Plünde­rungen über. Ein Riot, der Anfang Mai 1991 im Stadt­viertel Mount Pleasant von Washington/D.C. stattgefunden hatte, wiederholt sich am 10. Mai.

Die Polizei von Los Angeles, der Auslöser des Riots, ist ein Besatzungsregime, das seit Jahren mit permanenter Hub­schrauber-Präsenz, mit flächen­deckenden Razzien, mit Mas­senverhaftungen von tausenden Jugendlichen versucht, die Herrschaft über Los Angeles aufrechtzuerhalten. Ihr Chef hatte Präsi­dent Carter 1979 schon angebo­ten, mit seinem SEK die US-Botschaft in Tehe­ran zu stür­men. Sie handelt schon lange nach dem Motto: »Das hier ist Viet­nam« (tatsäch­lich sind viele L.A.-Bullen Ex-Viet­nam-Soldaten). Aber sie wird der Lage nicht mehr Herr. Schon in der ersten Nacht werden 4 .000 kali­forni­sche Na­tio­nalgardisten hereinge­bracht, und am Ende schickt Bush (un­ter dem Beifall des demokrati­schen Präsident­schaftskandi­daten Clinton) tau­sende seiner Panama-erfahre­nen Marines nach L.A.. Ange­sichts der Zer­stö­rungen und der Sol­daten auf den Straßen macht das Wort "Beirut" die Runde. (Al­lerdings funktioniert dieser Vergleich wohl eher andersrum, denn die neuesten Nach­richten aus Bei­rut berichten nicht von Kämp­fen verfeindeter Milizen, son­dern von einem wütenden pro­letarischen Mob aus Mos­lems, Drusen und Christen, der ge­mein­sam die Villa des Fi­nanz­ministers stürmt und ab­fackelt.)

Zu Anfang versuchen die Politi­ker aller Schattierungen noch hektisch, den Schaden zu be­grenzen. Bush sagt, im »ameri­kanischen Gewissen« sei kein Platz für Rassismus, und der Generalbundesanwalt der USA verspricht hektisch ein neues Verfahren gegen die vier Bullen. Vielleicht hört ihnen jemand im Fernsehen zu, aber niemand in der realen Welt, in L.A., außer den "schwarzen Füh­rern". D­ie sind völlig ratlos und rufen im Namen der Gewaltlo­sigkeit dazu auf, den Riot so­fort zu stoppen, allen voran natürlich Bürgermeister Brad­ley. Sogar Rodney King selbst wird ver­stört als Kronzeuge gegen den Riot vor die Kame­ras gezogen. Je deutlicher es wird, daß der Riot nicht bloß eine militante Übertreibung "schwarzer Poli­tik" ist, daß es nicht um Chan­cengleichheit für Schwarze in der amerikanischen Gesellschaft geht (wovon diese "Führer" ja direkt profitieren), desto klarer grenzen sie sich von ihm ab und sprechen von »Verbrechern«, die das Rodney-King-Urteil nur als »Vor­wand« nähmen.

Allerdings sprechen − zumin­dest für einige Tage − auch die schwarzen Führer nur noch mit den weißen Führern und dem Fernsehen: »Wenn das Justizsy­stem nicht mehr funktioniert, hören die Leute, die normaler­weise auf uns hören würden, nicht mehr zu«, klagt ein schwarzer Priester. Der "afrika­nisch-amerikanische" Nationa­lis­mus, der ideologische Kitt, der die sogenannte schwarze ""Community"" zusammenhält, wird brüchig. Er funktioniert wie jeder "Befreiungs-Nationa­lismus": Immer wenn kulturelle "Klassengrenzen" sich tenden­ziell mit angeblichen "rassi­schen" (physi­schen) und/­oder "ethnischen" (sprachlich-kultu­rellen) Grenzziehungen decken, bauen sich "Mitglieder" der "unterdrückten Gruppe" als Führer auf. In den USA gibt es eine lange Tradition "schwarzer Führer". Es gibt natürlich eine Reihe von Unterschieden zwi­schen den politischen Vorstel­lungen von Leuten wie L.A.'s Bürgermeister Bradley und Gene­ralstabs­chef Colin Powell und denen von militanten Füh­rern wie Louis Farakhan. Aber der Unterschied ist nur relativ: Bradley und Powell propagie­ren die Teilnahme am "ameri­kanischen Traum"; sie selbst beweisen ja, daß er wahr ist. Die schwarzen Nationalisten dagegen sagen, da das schwarze Proletariat von der Exi­stenz schwarzer Kapitalisten profitie­re, hätten diese auch besonde­ren Anspruch auf die Unter­stützung des schwarzen Proleta­riats. Allen ist gemeinsam, daß sie Arbeite­rIn­nen, die "ihre Hautfarbe" teilen, als Sprung­brett für ihre persönliche Kar­riere benut­zen.

Während das schwarze Estab­lishment immer weniger poli­tisch legitimiert ist, treten als Machtfaktor in den armen Vierteln von Los Angeles zu­neh­mend Straßengangs auf den Plan. Straßengangs sind in den USA nichts Neues: Ihre Vor­läufer gehen auf Formen prole­tarischer Selbstorganisa­tion unter jungen irischen Einwan­derern in den Städten der ame­rikani­schen Ostküste zurück. Los An­geles, das heute 15 Mil­lionen Einwohner hat, war bis zur Jahrhundertwende eine Kleinstadt und wuchs vor allem durch die Rüstungs­industrie des zweiten Welt­kriegs. Ihre Ar­beits­kräfte rekrutier­te sie aus den Millionen von schwarzen Land­arbeitern, die die Baum­woll­plantagen der alten Süd­staaten ver­ließen und in die Indu­strie­zen­tren des Nor­dens und Kaliforniens gingen. Die Gangs dienten gleicherma­ßen dem Selbstschutz gegen rassisti­sche An­griffe von Weißen wie der städtischen Sozialisa­tion der frisch einge­wanderten "Landei­er". Als 1965 in Watts (einem Viertel in South Central L.A.) ein Riot von unge­kannten Aus­maßen los­brach, waren es vor allem die Gangs, die ju­belnd ihre Feindse­ligkei­ten unterein­ander einstellten und die Bullen mehrere Tage aus dem Viertel vertrieben. Tatsäch­lich kam ein großer Teil der Militanten der Black Panther Party, die als schwarz-natio­nalistische Selbst­ver­teidi­gungs­organisation be­gann und, vom Maoismus be­einflußt, immer mehr zu einem all­gemeinen Klas­sen­standpunkt über­ging, aus den Gangs wie den Slau­sons. Die BPP wurde Anfang der 70er Jahre vom FBI prak­tisch phy­sisch vernichtet − zig ihrer Militanten wurden von den Bullen erschos­sen.

Das amerikanische Kapital hat weltweit vielleicht die radikal­sten Konsequen­zen aus den Klassenkämpfen der 60er und 70er Jahre gezogen (siehe Zero­work − TheKla 10). In den Montagefabriken arbeiteten Mitte/Ende der 60er Jahre mehr Schwarze als Weiße: Die Schwarzen waren zur zentralen Fabrikarbeiterklasse geworden und gleich­zeitig zirkulierten ihre Kämpfe zwischen Fabriken und Wohnvierteln (gegen die Arbeit und für Lohn und So­zialhilfe) derart, daß sich z.B. die US-Auto­mobil­industrie nie mehr davon erholt hat. Das amerikanische Kapital hat den keyne­siani­schen Deal aufgekün­digt. Ganze Industrien wurden am Standort USA dichtge­macht, in L.A. z.B. die Rüstungs- und Flugzeug­industrie; neue Indu­strien entstanden z.T. in den "weißen" Vororten, die durch kein öffent­liches Verkehrsmittel mit den "schwarzen" Ghettos verbunden sind. In den neuen Sweatshops der Textil- und Spielzeugindustrie arbeiten vor allem mexikanische und asiati­sche Immigranten. In der Tou­rismus-Industrie, die mit der Olympiade von 1984 ihren großen Push kriegen sollte, arbei­ten meist Weiße. Wäh­rend die überleben­den schwarz-na­tio­nalisti­schen Führer der 60er Jahre zum großen Teil in die herr­schende Klasse der USA integriert sind (obwohl sie immer noch eine "schwarze" Rhetorik pflegen, denn ein schwarzer Bürgermeister weiß, was er seinen schwarzen Wäh­lern schuldig ist), ist ein großer Teil der schwarzen Arbei­ter­klasse perma­nent aus dem nor­malen kapitali­sti­schen Produk­tions- und Re­produk­tionspro­zeß her­ausge­drängt worden. Gleichzeitig hat auch der Staat praktisch sämtliche ABM-Pro­gramme für Jugend­liche gestri­chen. Offiziell sind 45 Prozent der männ­lichen Schwarzen im ganzen Bezirk von L.A. arbeits­los: eine Arbeiterge­neration, die außerhalb der Lohnarbeit aufge­wachsen ist. Aus Sicht des Kapitals hat hinter Los Angeles vielleicht die Vorstellung ge­steckt, die produktive Koopera­tion könnte nach einer neuen Version des alten amerikani­schen Modells funktionieren, »fünf Italiener, fünf Iren und fünf Polen in derselben Fabrik« zu beschäftigen, »damit sie nicht reden und sich organi­sieren können«, so der Soziolo­ge Michael Hardt aus L.A., der das aber für gescheitert hält: »Bei uns sagt man, daß alles nur von einem blauen Faden zu­sammengehalten wird, und der ist die Polizei, die man überall in L.A. sieht.« Und selbst die Vorstellung, L.A. funktioniere für das Kapital mit diesem "blauen Faden", gehört wohl der Vergangenheit an. Die Wirtschaftswoche vom 8. Mai 1992 addiert hämisch die Sach- und Personenschäden des Auf­stands zur bestehenden öffentli­chen Ver­schuldung von L.A. und erklärt »den Traum von Los Angeles als der künftigen Me­tropole des Pazifik-Raums« für beendet.

Dafür floriert die Drogen-Öko­nomie: Der Haupteinfuhrweg für süd­amerika­nisches Kokain hat sich von Florida nach Süd­kalifornien verlagert. Dro­gen­kartelle und Kleinbauern haben den peruanischen und boliviani­schen Rohcoca-Ex­port, und da­mit auch den kolumbiani­schen Kokain-Export stark ausgewei­tet. Zur Rettung der Nach­frage kam dann 1983/84 Crack, das "Arme-Leute-Ko­kain" auf den US-Markt. Den End­verkauf überlassen die Kartelle schwar­zen Jugend­gangs. Nach An­gaben der Bul­len gibt es inzwi­schen mehrere hundert Rock Houses genannte Häuser, in denen die Gangs Kokain ver­kaufen − mehr als Alkoholge­schäfte − in South Central L.A., von denen jedes zwischen 5.000 und 25.000 Dollar Umsatz am Tag macht. Crack wird an die Armen ver­kauft, Schnee an die Reichen. In diesem Ge­schäft geht es um viel Geld, und die Gangs verteidi­gen nicht nur ihre "Ehre", son­dern Märkte. Für viele Jugend­liche scheint der Einstieg ins Geschäft der einzige Weg, am "amerikani­schen Traum" Hol­lywoods teilzu­nehmen, den sie sich sonst nie leisten könnten.

Seit Anfang der 80er Jahre haben sich die paar hundert Gangs zu zwei verfeindeten Netzwerken, den Bloods & Crips verbündet, die an ihren roten bzw. blauen Hemden, Schnürsenkeln usw. zu erken­nen sind. Hollywood hat dar­über den ziemlich verloge­nen Bullenfilm Colors gemacht. Und längst entstehen die Jugend­gangs auch in den Vier­teln der salvadorianischen und kambod­schanischen Immigranten und in denen der Weißen...

Während die Gangs unterein­ander blutige Kriege führen, sind sie zum neuen Haupt­feind ernannt worden: Die Bullen erklären nicht-weiße Jugend­liche von vornherein zu "Gang-Mitgliedern" und verbieten ihnen faktisch den Zutritt zu wohl­habenden Vier­teln. In ihrer Gang-Mitglieder-Datei sind Tau­sende von Namen ir­gend­wann mal zufällig aufge­griffener Jugend­licher. In die Schulen werden Zivilbullen einge­schleust, die im Rah­men einer Aktion School Buy Schüler zu Drogendeals verleiten sollen. Ständig kommen neue Anti-Gang-Gesetze heraus.

Und während der weiße Poli­zeichef Gates der proletarischen Jugend den »Krieg« erklärt, überlegen Vordenker der sozial­demokratischen Demo­cratic Socialists, ob man nicht Inter­nierungslager auf dem Land bauen sollte, und schrei­ben auch schwarze Politiker die Jugend ab, so wie Harry Ed­wards, Ex-Propagandaminister der Black Panthers: »Man muß sich darüber klarwerden, daß sie es nicht schaffen wer­den. Die Städte, die Kultur und ganz besonders schwarze Men­schen müssen an­fangen, sich zu bewe­gen, um den Müll von der Straße zu kriegen.« Daher sind gerade aus dieser Ecke immer wieder Rufe nach mehr Polizei-"Schutz" für ihre Viertel zu hören.

Willie Wilson, der designierte neue Polizeichef von L.A. ist schwarz und kommt aus Phila­delphia, wo die Bullen das Problem der Move-Kommune mit dem Abwurf einer Bombe gelöst haben, wobei ein halbes Stadtviertel abbrannte. Er steht an­geblich für ein neues Repres­sionskon­zept, ganz in der "Community" verwurzelt...

Zu Recht hat ein bis ins Mark nationalistischer und rassisti­scher Film wie Boyz'n the Hood das Problem der Gewalt untereinander aufgeworfen. Für das Kapital hatten die Gangs bisher eine Reihe von Vorteilen: Die proletarische Jugend bringt sich untereinander um; sie geben einen erstklassigen Vor­wand für eine totale Repres­sions-Strategie ab; der Drogen­handel findet flexible, risikobe­reite und unternehme­risch denkende Verkäufer.

Die Gangs stellen bildlich die kapitalistische Barbarei dar: das, was passiert, wenn der Kampf der Klasse mit sich selbst die Form des Kampfs aller gegen alle annimmt. Gleichzeitig steckt in ihnen der Keim des bewaff­neten Auf­stands, und der Aufstand von Los Angeles hat allen recht gegeben, die gehofft hatten, die ganze Scheiße würde irgendwann ex­plodieren.

"Kulturell" hatte sich der Auf­stand angekündigt: Die US-Mu­sik­industrie verdient so gut an Hip-Hop, weil die Ghetto-Jugendlichen (und nicht nur die) am liebsten radikal anti­amerikanischen Texte hören. Die Medien müssen immer wieder eine Welt zeigen, die ihnen nicht paßt. Während Bush im Schutz der Marines und seiner Bodyguards ein paar Ruinen in L.A. besichtigt, kom­men an der Wand hinter ihm Graffiti ins Bild: »Bloods & Crips united!« An­geblich hat es schon eine "Konferenz" zwi­schen beiden Gruppen gegeben, und sie wollen den Kampf gegen die Bullen aufnehmen.

Dabei bleiben viele Fragen offen, nicht zuletzt, in welches Verhältnis die Gangs be­waff­neten Kampf und Drogenge­schäft setzen werden...

Die wichtigste Frage ist aller­dings, in welches Verhältnis sich der Rest der Arbei­terklas­se in den USA zu den Auf­ständi­schen setzen wird. Die am weitesten entwi­kelten revolu­tionären Kämpfe der 60er Jahre in den USA blieben unter ande­rem deshalb stecken, weil sie als "schwarze Kämpfe" isoliert wurden (von verschiedenen Seiten). Die Bewegung gegen den Golfkrieg hatte zum ersten Mal seit Jahren ver­schiedene "Minderheiten"-Bewegungen, Ökologie-Bewegungen, Frauen-Bewegungen und eine völlig neue Jugendbewegung zusam­mengebracht. Die "zentrale Arbeiter­klasse" der 60er Jahre, die so eine Bewegung verein­heitlichen könnte, gibt es heute nicht mehr. Obwohl Kämpfe in der Arbeit in den USA oft und z.T. sehr militant geführt wer­den, wäre eine unmittelbare Verbindung mit dem Auf­stand von Los Angeles sicher an den Haaren herbeigezogen.

Politisch gibt es in den USA immer noch eine "weiße Mittel­schicht", auf die sich ein re­pressiver Staat stützen kann, die vor der Glotze sitzt und es gut findet, wenn Bush die Marines nach L.A. schickt. Die es auch gut fand, daß die Marines nach Panama und an den Golf ge­schickt wurden, die es noch besser fand, daß das nichts kostete und vor allem, daß sie dabei vor der Glotze sitzen bleiben konnten.

Aber die patriotische Begeiste­rung für den billigen Krieg im Golf hat sich keine paar Mona­te gehalten, und rein zahlenmä­ßig schrumpft diese "Mittel­schicht" immer mehr zusam­men.

Obwohl die Angst der Vor­ortbewohnerInnen vor den Ghettobe­wohnerInnen sicher größer ist als die vor Saddam Hussein oder Norie­ga und diese Angst von den Medien sorgsam gepflegt wird, birgt der Krieg im eigenen Land doch die "Ge­fahr" der An­steckung: Auch Weiße haben sich bei den Riots beteiligt. Der Spaß und die tiefe Befriedi­gung aller, die sich beteiligt haben, war unüber­sehbar. Es heißt sogar, daß die Zahl der Gewaltverbrechen in den Aufstands­gebieten drastisch gesunken sein soll.

 
 
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