Wildcat-Zirkular Nr. 40/41 - Dezember 1997 - S. 120-147 [z40wrigh.htm]


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Negris Klassenanalyse:

Die Metaphysik des »gesellschaftlichen Arbeiters«

Steve Wright [1]

»Ich glaube nicht, daß ich irgendetwas sage, was nicht orthoxer Marxismus ist. Aber auch wenn es nicht orthodox wäre, ist es jedenfalls die Wahrheit; die Orthodoxie bedeutet mir sehr wenig...« (Toni Negri) [2]

Die einflußreichste Strömung in der italienischen Ultralinken in der zweiten Hälfte der 70er Jahre scharte sich um die Klassen- und Staatsanalyse, die Antonio Negri entwickelt hatte. Sie löste auch die größten theoretischen Kontroversen aus. Negris umstrittenster Beitrag zur Untersuchung der Klassenzusammensetzung durch den »Operaismus« [3] war die Hypothese von einem neuen, quer durch die Gesellschaft verstreuten Proletariat sowohl in der Produktions- als auch in der Reproduktionssphäre, eines »gesellschaftlichen Arbeiters«, neben dem der Massenarbeiter des fordistischen Fließbandes wie ein armseliger Prototyp wirke.

Seit damals hat es eine Reihe von Drehungen und Wendungen in Negris Auffassung vom gesellschaftlichen Konflikt gegeben. In letzter Zeit betonen seine Arbeiten besonders die Zunahme der »immateriellen Arbeit« im Rahmen der anhaltenden Krise des für so viele westliche Gesellschaften nach dem 2. Weltkrieg typischen keynesianischen Sozialpakts. Durchgängig findet sich bei ihm aber die Auffassung, daß zentral für die heutige Klassenzusammensetzung der »gesellschaftliche Arbeiter« sei. »Einer multinationalen und finanzkapitalistischen Bourgeoisie (die keinen Grund sieht, warum sie die Last eines nationalen Wohlfahrtssystems tragen sollte) steht ein vergesellschaftetes, intellektuelles Proletariat gegenüber, das einerseits einen Reichtum von neuen Bedürfnissen besitzt und andererseits nicht in der Lage ist, den fordistischen Kompromiß weiter aufrechtzuerhalten. [4]

Diese Beschreibung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Dynamiken ist in der italienischen Linken nach wie vor umstritten. [5] Im folgenden will ich allerdings auf etwas ganz anderes hinaus, nämlich auf die besonderen Umstände, die Negris These vom »gesellschaftlichen Arbeiter« ursprünglich inspiriert hatten, um einschätzen zu können, inwieweit diese je dazu taugte, den Klassenkampf zu verstehen.

Letzter Tango bei Mirafiori

Die Entwicklung von Negris Thesen über den »gesellschaftlichen Arbeiter« hing schon von Anfang an untrennbar mit der Entwicklung einer neuen politischen Tendenz, der Autonomia Operaia zusammen. Die Autonomia läßt sich nicht leicht als ganze auf einen Begriff bringen. Sie war ideologisch heterogen, räumlich verstreut, organisatorisch im Fluß und politisch marginalisiert: Giorgio Bocca hat sie treffend mit einem Archipel verglichen. Die »Area« [Gebiet, Bereich, »Szene«; Anm. d. Übers.] der autonomen Organisationen und Kollektive war nie eine einheitliche nationale Organisation und schon gar nicht der Massenflügel der bewaffneten Gruppen, und kaum daß sie die Hegemonie in der italienischen radikalen Linken erreicht hatte, begann sie auch schon zu zerfallen. [6]

Als klar umrissene politische Formation hatte sich die Autonomia erstmals im März 1973 herauskristallisiert. Damals trafen sich ein paar hundert Militante aus dem ganzen Land in Bologna, um die Gründung einer neuen nationalen Organisation der revolutionären Linken vorzubereiten. [7] Eine Reihe von ihnen gehörten wie Negri selbst zum Veneto-Flügel von Potere Operaio (Potop); die Mehrheit hatte die linksradikalen Gruppen aber aus Wut über deren zunehmendes Engagement in den Gewerkschaften und in der institutionellen Politik schon verlassen. Die gemeinsame strategische Orientierung der Anwesenden wurde im Einleitungsbericht gut zusammengefaßt. Dort hieß es, daß in der heutigen Krisensituation »der einzig mögliche Weg der des Angriffs« sei. Und diese Offensive könne nur auf den - von den künstlichen ideologischen Trennungen der traditionellen wie der neuen Linken tendenziell verdeckten - Bedürfnissen der Klasse beruhen. Um diese Bedürfnisse zu artikulieren, müsse die Organisierung direkt in Fabriken und Stadtteilen verankert werden, in Strukturen, die von der Klasse selbst direkt geführte Kämpfe vorantreiben und dieser gleichzeitig »das von den traditionellen Organisationen zerstörte Bewußtsein der proletarischen Macht« zurückgeben könnten. [8]

Das Programm der Autonomia stieß im Laufe der nächsten 18 Monate bei einer kleinen, aber wachsenden Zahl von italienischen Linken auf offene Ohren. Ende 1973 beschloß die Mehrheit der Mitglieder von Potere Operaio, sich in die Area »aufzulösen«, und einige kleinere Gruppen folgten diesem Beispiel bald. Die wichtigste davon war der Gruppo Gramsci, eine kleine Organisation mit einer gewissen Präsenz in der Mailänder Gewerkschaftslinken. Nach ihrer Neukonstituierung als Collettivi Politici Operai betrieb diese Gruppe gründlicher Selbstkritik als alle anderen leninistischen Strömungen, die in die Autonomia eintraten. Im Dezember 1973 schrieben sie in ihrer Zeitung Rosso, nötig sei eine ganz neue Form politischer Praxis und ein Bruch mit der »Logik« der linksradikalen Gruppen und »der engstirnigen Sprache der politischen 'Experten', die das ABC - und sogar das L und das M - des Marxismus-Leninismus kennen, aber nicht in der Lage sind, konkret über uns selbst und unsere Erfahrungen zu sprechen«. Statt politisch an einem abstrakten Arbeiter anzusetzen (»männlich, erwachsen, normal, unbelastet von Gefühlen, rational, ein Demokrat oder Revolutionär und immer bereit, auf Treffen über die Geschichte und Tendenzen des Kapitalismus herumzusitzen«), suchte Rosso nach einer neuen Perspektive, um Fragen wie sexuelle und emotionale Herrschaft, das Wesen der Familie und die Ausgrenzung der sogenannten »Unnormalen«, »durch die sich die Sklaverei der Fabrik und des vom Kapital aufgezwungenen Lebens manifestieren«, zu untersuchen. Dieser Tendenz, der libertärsten der großen Tendenzen in der Area, schlossen sich Negri und seine engsten Mitstreiter im folgenden Jahr an und trugen dazu bei, sie zur stärksten autonomen Formation im Norden zu machen. [9]

Anders als Rosso aber richteten die meisten autonomen Kollektive 1973 und 1974 ihren Blick weiterhin fest auf die Bewegungen der Industriearbeiterschaft. Auch Negri selbst konzentrierte sich in seinem wichtigsten Aufsatz dieser Zeit auf die Fabrik als »privilegierten Ort, sowohl was die Verweigerung der Arbeit als auch was den Angriff auf die Profitrate angeht«[10] Das Interessanteste an seinem Aufsatz war dabei der Versuch, den vom Operaismus oft behaupteten Zusammenhang zwischen Klassenkampf und Akkumulationsprozeß zu klären. Während Potop den Zusammenhang zwischen Klassenzusammensetzung und Wirtschaftskrise als simples, mechanisches Nullsummenspiel zwischen Löhnen und Profiten verstanden hatte, versuchte Negri in der Schrift Partito Operaio contro il lavoro [Arbeiterpartei gegen die Arbeit], detailliert die »lange« aber »qualitativ einheitliche« Entwicklung des Zusammenhangs zwischen Auseinandersetzungen im Produktionsbereich und Problemen bei der Kapitalreproduktion zu beschreiben. [11]

Im Rahmen des Operaismus hatte erstmals Negri in Zyklus und Krise bei Marx versucht, den Stellenwert des Klassenkampfs im möglichen Zusammenbruch des Kapitalismus systematisch zu bestimmen. Dieser Aufsatz war zwar schon vor dem »Heißen Herbst« der Fabrikkämpfe 1969 geschrieben worden, aber er deutete eine Reihe der später für die Tendenz zentralen Themen an. Damit stellte er den ersten operaistischen Versuch dar, den für den Objektivismusvorwurf anfälligsten Teil der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie politisch zu lesen. Am interessantesten an dem Text aber war, daß er sich mit den Versuchen von John Maynard Keynes und Joseph Schumpeter beschäftigte, die Probleme des Kapitals bei der Sicherung seiner Reproduktion als gesellschaftliches Verhältnis zu lösen. Mit Mario Tronti gegen Lukacs glaubte Negri nicht, daß es dem »kritischen Bewußtsein« des Kapitals unmöglich sei, so etwas zu versuchen; im Gegenteil hätten sowohl Schumpeter als auch Keynes begriffen, daß die kapitalistische Entwicklung ein dem Wesen nach offener, von inneren Widersprüchen durchzogener Prozeß sei. [12] Negris besondere Bewunderung galt Schumpeter, weil dieser anerkannt habe, daß die kapitalistische Wirtschaft keine innere Gleichgewichtstendenz besitze. Indem Schumpeter auch begriffen habe, daß das Krisenmoment nicht nur unvermeidlich, sondern auch »ein fundamentaler Anreiz im System« sei, der »Profit produziert«, habe er erkannt, daß hinter der scheinbar selbständigen Bewegung der ökonomischen Kategorien die Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen liegen. [13]

In Partito operaio contro il lavoro erweiterte Negri sein Herangehen an das Problem der Krise. Hier betonte er, wie tiefgreifend die Durchsetzung der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital die Akkumulation und den Klassenkampf verändert hätte. Unter Bezug auf die Grundrisse und die Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses ging Negri auf die zentrale Tendenz in der kapitalistischen Entwicklung ein, nämlich »die Verkürzung jenes Teils des Arbeitstages, der notwendig ist, um den Wert der Arbeitskraft zu reproduzieren«[14] Die Aufteilung des Arbeitstages in notwendige Arbeit und Mehrarbeit sei zu einem Kampf zwischen zwei unabhängigen Variablen geworden: nicht nur funktioniere der traditionelle Disziplinierungsmechanismus der industriellen Reservearmee nicht mehr, da immer mehr junge Leute die Fabrikarbeit verweigerten; die Lohnentwicklung habe sich auch immer mehr von den Erfordernissen der Akkumulation abgekoppelt. [15]

Wie so viele operaistische Thesen hatte diese These wenig mit konventionellen marxistischen Schemata zu tun. Andererseits stand Negris Vorstellung von der Arbeit als unabhängiger Variable im Klassenverhältnis zwar klar im Widerspruch zu den Formulierungen im ersten Band des Kapital, konnte sich aber durchaus auf den dritten Band berufen. [16] Wichtiger als die Bestätigung durch die heiligen Schriften waren allerdings die wachsenden Probleme der italienischen Wirtschaft mit der Produktivität und der Profitentwicklung, die Negri recht gaben. Später, in Marx oltre Marx, klärte Negri den Zusammenhang zwischen notwendiger Arbeit und Mehrarbeit im Klassenkampf mit der These, daß die Arbeiterklasse durch ihre Rigidität im Arbeitsprozeß den potentiellen Profit des Kapitals beschneiden könne. [17] In Partito operaio contro il lavoro stand diese Tendenz nur zwischen den Zeilen in der Darstellung des Arbeitstags als Schauplatz eines permanenten Bürgerkriegs zwischen den beiden großen Klassen. [18] Statt diesen Punkt auszuarbeiten, baute der Aufsatz auf der Analyse von Negris Buch Krise des Planstaats von 1971 auf und behauptete, daß das Kapital zwar an der Firma als Herz des Verwertungsprozesses festhalte, aber kontinuierlich zu einer größeren Vergesellschaftung der Arbeit dränge und dabei über die einfache Ausweitung des unmittelbaren Produktionsprozesses hinausgehe und sich auf eine vollständige Neudefinition der Kategorie der produktiven Arbeit zubewege. Die Größenordnung dieser Kategorie, schloß der Text, lasse sich nur in einem historisch spezifischen Sinn verstehen, nämlich »im Verhältnis zum Entwicklungsniveau des Prozesses der Subsumtion der Arbeit unter das Kapital... Heute können wir sagen, daß der Begriff des Lohnarbeiters und der Begriff des produktiven Arbeiters tendenziell dasselbe bedeuten«, daß sich mithin »die neue gesellschaftliche Figur eines vereinten Proletariats« konstituiere. [19]

Insofern war Partito operaio contro il lavoro ganz klar ein Übergangstext für Negris Kapital- und Klassenbegriff: Indem er mit traditionellen operaistischen Formulierungen die in den Grundrissen umrissene Tendenz beschrieb, bereitete er schon die Hypothese vom »gesellschaftlichen Arbeiter« [operaio sociale] vor. Wie bei den meisten Übergangstexten scheinen dem Autor aber die im Text enthaltenen Widersprüche überhaupt nicht bewußt gewesen zu sein. Zum Beispiel gab Negri sich kaum Mühe, seine historisch dynamische Definition der produktiven Arbeit zu belegen; ihm ging es eher um die These, daß die Angriffe des Massenarbeiters auf die Profitrate in der gegenwärtigen Konjunktur weiterhin der Bezugspunkt des Gesamtproletariats blieben. Da Fabrik und Gesellschaft, Produktion und Reproduktion noch nicht identisch seien, sondern weiterhin in einem »dialektischen« Verhältnis zueinander stünden - einem Verhältnis, das das Kapital selbst aufrechtzuerhalten versuche, indem es versuche, »den Fall der Profitrate in der Fabrik (und ihren Agenten) vom sich in der ganzen Gesellschaft entfaltenden Prozeß der Vergesellschaftung der produktiven Arbeit zu isolieren« -, genügte Negri also die Schlußfolgerung, daß die ArbeiterInnen der Großfabriken als »privilegiertes Ausbeutungssubjekt« politisch und theoretisch »absolut hegemonial« gegenüber dem Rest der Klasse blieben. [20]

Der Massen-Besetzungsstreik im Mirafiori-Werk von Fiat im März 1973 bestätigte Negris Sicht. Gleichzeitig ließ seine Darstellung der »Partei von Mirafiori« erkennen, was Negri mit der These von einem gesellschaftlich homogenen Proletariat meinte, von der Potere Operaio am Ende Abstand genommen hatte, die bei Negri selbst aber bald wieder im Vordergrund stehen sollte. Wenn die in den Jahren seit dem Heißen Herbst entstandene Massenavantgarde irgendeine Begrenzung hatte, so lag sie seiner Meinung nach im Zögern, über die Fabriktore hinauszugehen und sich mit dem Aneignungskampf in der gesellschaftlichen Sphäre zu vereinigen. Im Versuch, diese Schwäche zu überwinden, griff Negri dann zu einer drastischen Form des Wert-Reduktionismus, die alle Unterscheidungen unter denen, die nur ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben, zuschüttete. Negri übernahm Potops These von der Krise des Wertgesetzes als Krise des Kommandos über die Arbeit und behauptete, daß die gemeinsame Grundlage für die Neuzusammensetzung der Klasse in einer »Einheit der abstrakten gesellschaftlichen Arbeit« liege, die schwerer wiege als »die 'besonderen' Probleme der verschiedenen Sektoren der gesellschaftlichen Sphäre (Jugendliche, Frauen, marginalisierte Elemente usw.)« und der Fabrik. [21] Da es auf dem Gebiet des Werts, wie schon Krise des Planstaats behauptet hatte, nur noch um Macht gehe, ließen sich die Besonderheiten der Orte, an denen solch eine Organisierung entstehe, und der Inhalt der Bedürfnisse, deren Nichterfüllung zu ihrer Gründung führe, nur unter einem Projekt der »Gegenmacht« gegen den Staat subsumieren. Der Gordische Knoten der Klasseneinheit, der sich eigentlich nur langsam und sorgfältig lösen ließ, indem man die Gemeinsamkeiten der oft sehr verschiedenen kämpfenden Sektoren ausfindig machte, sollte also mit der Waffe des massenhaften bewaffneten Kampfs zerschlagen werden. In einem Aufsatz von 1974 zur Klassenstrategie im weltweiten Zusammenhang versicherte Negri seinen LeserInnen also, daß der bewaffnete Kampf »das einzige grundlegende strategische Moment darstellt, d.h. die einzige Möglichkeit, eine Neuzusammensetzung des Proletariats und eine Konsolidierung der Kämpfe zu erreichen und damit gleichzeitig dem Kapital die Waffen der Provokation, der Repression und der Eindämmung, die die verschiedenen Klassenteile isolieren und neu spalten sollen, aus der Hand zu schlagen«[22]

Und doch verfolgte Negri manchmal, wenn er die Kompliziertheiten des gesellschaftlichen Konflikts nicht zu einer eindimensionalen Machtfrage schrumpfen ließ, Untersuchungslinien, die den materiellen Inhalt der Kämpfe betonten. In Partito operaio contro il lavoro behauptete er zum Beispiel, daß die Befreiung der individuellen Bedürfnisse heute als integraler Teil des Klassenkampfs zu betrachten sei: »Vielleicht enthält das Ziel, das sich die Klasse in ihrer Intensität, in ihrer Totalität setzt, heute, abgesehen von Utopien oder von Aufständen, diesen großartigen Momenten der Begeisterung, zum ersten Mal die Bedürfnisse der Individuen. Die Befreiung läßt sich nicht auf den Kommunismus verschieben... Die neuen Bedürfnisse, die die jüngsten Generationen der Arbeiterklasse angemeldet haben, sind Bedürfnisse nach Befreiung. Nichts ist reicher oder feiner als die Fähigkeit, die unmittelbaren Bedürfnisse der Individuen mit den politischen Bedürfnissen der Klasse zu verbinden.« [23]

Negris Position hier ist weit von seinen Ansichten von 1971 entfernt, als er getönt hatte, daß »die einzige Freude der Klasse heute in ihrem Verhältnis zur Klassenorganisation und in der Konfrontation mit dem verhaßten kapitalistischen Machtapparat liegt«. [24] Andererseits blieb Negris neue Einsicht in sein altes theoretisches Gepäck eingeschnürt, und er versuchte weiterhin, die ganze Thematik der Bedürfnisse in das Paradigma des Lohns zu quetschen, indem er schrieb, »die historische Struktur des Lohns« sei der wichtigste Ausdruck des »objektiven Niveaus der Bedürfnisse«, durch die der Kampf innerhalb und außerhalb der Fabrik gefiltert werden müsse. [25]

»Wir zahlen nur so viel wie Agnelli«

1974, als die Energiekrise des Westens die Inlandsinflation verschärfte, ließen neue Kämpfe die italienische Gesellschaft explodieren, und bei Negri schon angelegte »vergesellschaftete« Tendenzen rückten ins Zentrum seines Bewußtseins. In all den neuen Unruhen ging es um die Praxis der »eigenmächtigen Herabsetzung« [autoriduzione], mit der sich ArbeiterInnen gegen die Erhöhung von Strom-, Wasser- und Telefongebühren durch die Rumor-Regierung organisierten. Ausgehend von Turin, wo Fiat-ArbeiterInnen aus dem Rivalta-Werk sich weigerten, höhere Busfahrpreise zu zahlen, verbreitete sich die Praxis der eigenmächtigen Herabsetzung bald in den Städten des Nordens und in Rom, wo sie besonders als Kampfmittel gegen die Erhöhung der Strom- und Telefongebühren beliebt war.

Da diese Aktivitäten schnell zu einer Massenbewegung anwuchsen, an der sich allein im Piemont 180 000 Familien beteiligten, kam es in der Arbeiterbewegung zur Spaltung über diese Frage. Während viele kommunistische Gewerkschaftsfunktionäre (aus dem PCI) die Effektivität und den Wert dieser neuen Kampfform in Frage stellten, meinten andere, sie müßten sie befürworten, um ihre eigene Legitimation zu retten. »In den letzten Monaten hat die Glaubwürdigkeit der Gewerkschaften einen Tiefstand erreicht«, meinte der Sekretär des Turiner Arbeitsrates [labour council]. »Hier steht unser Verhältnis zu den Menschen auf dem Spiel; hier wird unsere Fähigkeit zur Formulierung einer Alternative in Frage gestellt.« Die Praxis der autoriduzione war auch ein fruchtbarer Boden für die autonomen Kollektive. Da die allgemein als »Volsci« bekannten römischen Comitati Operai Autonomi genügend Mitglieder beim staatlichen Stromversorgungsunternehmen ENEL hatte, um Leuten, denen der Strom abstellt worden war, weil sie die neuen Gebühren nicht zahlen wollten, den Strom wieder anzustellen, konnten sie mühelos viele EinwohnerInnen überzeugen, den Industrietarif (etwa 25 Prozent vom Privatverbrauchertarif) statt der von den Gewerkschaften vorgeschlagenen 50 Prozent zu zahlen. Die autonomen Gruppen im Veneto und anderswo hatten zwar nicht solche Trumpfkarten, spielten aber trotzdem eine große Rolle im Kampf, wenn auch vorsichtiger als die Gruppen in Rom. [26]

Dies waren nicht die einzigen Kämpfe außerhalb der Fabrik. Eine neue Schülerbewegung antwortete mit Demonstrationen und Besetzungen auf drohende Kürzungen bei Bildungsausgaben und Lehrern. In Turin organisierten StudentInnen einen Marsch zu Mirafiori, um an der ersten offenen Versammlung im Werk teilzunehmen. Anfang des Jahres begann auch eine neue Welle von Hausbesetzungen in Rom, die sich bis Oktober bis nach Turin ausgeweitet hatte. Die Hausbesetzungen in Rom wurden von Mitgliedern der Gruppe Lotta Continua dominiert, aber auch die römischen Autonomen waren dabei, und einer von ihnen wurde im September als erster aus der Area bei Zusammenstößen mit der Polizei getötet. In Turin wiederum zeichneten sich die Besetzungen, an denen sich früher hauptsächlich die in der Produktion Marginalisierten und die »Armen« beteiligt hatten, durch die zahlenmäßig große Beteiligung von FabrikarbeiterInnen aus. [27] Schließlich stürmten am 12. Oktober bei einem der ersten organisierten »politischen Einkäufe« DemonstrantInnen in Mailand einen Supermarkt und zwangen den Geschäftsführer, Waren billiger zu verkaufen. [28]

Auch in der Autonomia selbst gab es Veränderungen. Mitte 1974 traten bei einer Diskussion über den garantierten Lohn sehr unterschiedliche Einschätzungen zutage. Der zentrale Bruch lief zwischen denjenigen, die die Verweigerung der Arbeit als die wesentliche Grundlage der revolutionären Strategie sahen, und der Assemblea Autonoma dell'Alfa Romeo, für die die Entwicklung des Klassenbewußtseins - und der menschlichen Fähigkeiten - untrennbar mit der Erfahrung der Arbeit verbunden war: »Unter dem garantierten Lohn verstehen wir das mit der Garantie eines Arbeitsplatzes erkämpfte Recht auf Leben. Denn in einer kommunistischen Gesellschaft muß jeder nach seinen Fähigkeiten beitragen und von der Gesellschaft nach seinen Bedürfnissen erhalten... Die Genossen von Marghera sagen: Wenn die Menschen [italienisch: uomini = Männer; Anm. d. Übers.] (sic!) von der Notwendigkeit der Arbeit befreit werden, weil sie nicht mehr arbeiten müssen, um zu essen oder sich anzuziehen oder ihre Wünsche zu befriedigen, dann werden wir die wahre Freiheit haben! Darauf antworten wir, daß wir nicht gegen die Arbeit sind, sondern gegen die kapitalistische Organisation der Arbeit, der es nicht um den gesellschaftlichen Fortschritt, sondern um den Profit geht... [im Süden] wollen die proletarischen Massen Arbeitsplätze zur Lösung ihrer Probleme.« [29]

Da die Militanten von Alfa in dieser Frage allein blieben, verließen sie ein paar Monate später die Autonomia. Mit ihrem Austritt waren die Unterschiede innerhalb der Area aber nicht beseitigt. Andere TeilnehmerInnen der Debatte sympathisierten zwar mit der Vorstellung vom Kommunismus als Befreiung von der Arbeit, aber sie machten sich zunehmend Sorgen um das politische Gewicht der Operaisten und ihrer Verbündeten. Besonders die Römer meinten, daß weder die ehemaligen Mitglieder von Potere Operaio noch die ehemaligen Mitglieder des Gruppo Gramsci es in irgendeiner Weise geschafft hätten, »ein neues Verhältnis zur Bewegung« herzustellen. Vielmehr seien diese Militanten besonders anfällig für die »Versuchung«, die Autonomia entlang der überholten und bürokratischen Linien der aus der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre entstandenen Gruppen zu rekonstruieren. [30]

Diese Befürchtungen sollten sich bald als berechtigt erweisen. Schon seit 1975 verwandelten sich die »organisierten« Bestandteile der Autonomia, von der Gruppe um Negri und die Überreste von Oreste Scalzones Potop-Minderheitsflügel bis hin zu einer Reihe von marxistisch-leninistischen Organisationen und den Römern selbst, langsam in einen Zusammenhang von politischen »Mikrofraktionen«. [31] Ihr Haß auf die institutionelle Politik führte zwar dazu, daß sie auf einem anderen Gebiet arbeiteten als die großen Gruppen außerhalb des PCI (Lotta Continua, Avanguardia Operaia und PdUP), aber die Autonomen hatten bald einen ebenso unbeholfenen politischen Stil wie sie, was dazu beitrug, viele schon von den »großen Drei« [triplice] der italienischen radikalen Linken enttäuschte potentielle SympathisantInnen abzuschrecken. [32]

Im Rückblick könnte man diesen Prozeß leicht für unausweichlich halten, da bestimmte Fehler schon in der »antirevisionistischen« Kultur angelegt waren, zu der die Autonomen genauso gehörten wie die meisten anderen Marxisten links vom PCI: vor allem die Regelmäßigkeit, mit der neue Einsichten dem bestehenden marxistisch-leninistischen Dogma einverleibt wurden, statt mit ihnen den nach wie vor bestehenden Anspruch dieses Dogmas auf die revolutionäre Wahrheit in Frage zu stellen. Aber es wäre falsch, den ganz besonderen Beitrag der Autonomia zur Kultur der italienischen radikalen Linken, gerade in ihrer Anfangszeit, zu bestreiten. Mit ihrer Weigerung, die politische und die ökonomische Sphäre des Kampfes voneinander zu trennen, und ihrer Entscheidung, die traditionelle, seit den Tagen der Zweiten Internationalen in der Linken übliche Dichotomie von Partei- und Gewerkschaftsorganisation zu überwinden, ging die Area in ihrem Bruch mit dem traditionellen kommunistischen praktischen Politikverständnis viel weiter als jeder ihrer großen Konkurrenten in Italien. In ihren Anfängen als überwiegend in den Fabriken verankertes Netzwerk hatte die Autonomia einen kleines, aber wichtiges Experiment in revolutionärer Politik dargestellt, das auf der Selbstorganisation der von den Kämpfen der 60er Jahre hochgespülten Generation von Fabrikaktivisten beruhte. Das schnelle Scheitern dieses Projekts innerhalb der Area selbst beweist sowohl das tote Gewicht der Ideologien der Vergangenheit als auch die zunehmende Verschiebung der von der Fahne der Autonomia angezogenen gesellschaftlichen Kräfte. So übten anfänglich zwar ganz unterschiedliche autonome Formationen Kritik an den konventionellen leninistischen Dogmen, aber keine versuchte eine so grundlegende Kritik wie bestimmte feministische Kreise. [33] Im Gegenteil formulierten die meisten Tendenzen in der Autonomia gegen die immer zahmere Politik des Triplice eine Art von Leninismus, die zwar oft die taktischen Vorstellungen der bewaffneten Gruppen kritisierte, aber trotzdem den bewaffneten Kampf als Gipfel des Klassenkampfs sanktionierte. Da der italienischen Staat offensichtlich entschlossen war, den gesellschaftlichen Protest zu kriminalisieren, und da Faschisten und Polizei Mitte 1975 in sechs Wochen sechs linke DemonstrantInnen getötet hatten, gewann dieser »bewaffnete Leninismus« für viele junge SchulaktivistInnen aus den neuen autoriduzione-Kämpfen und Straßenschlachten eine gewisse praktische Bedeutung. Nachdem die Autonomia aufgrund von politischer Enttäuschung und Entlassungen einen Großteil ihrer Basis in den italienischen Großfabriken zu verlieren begann, rekrutierte die Area am stärksten in dieser neuen Generation, die beeindruckt von der Bereitschaft der Autonomen war, sich mit physischer Gewalt den Angriffen von Carabinieri und Faschisten entgegenzustellen. [34]

In einem Text von Anfang 1976 machte Negri als einen Grundwiderspruch der Area und der gesellschaftlichen Kräfte, die sie zu organisieren versuchte, den Widerspruch zwischen den BefürworterInnen der »Bewegung« und den VertreterInnen »eines 'leninistischen' Organisationskonzepts« aus. [35] Sein Optimismus, daß die Autonomia in der Lage sei, dieses Problem zu überwinden, stellte sich aber leider bald als verfehlt heraus. Die dominierenden Kräfte in der Autonomia entschieden sich vielmehr dafür, »als Partei aufzutreten« und verurteilten sich damit unbewußt dazu, den Weg der Gruppen, deren Versagen sie einst so vehement kritisiert hatten, zu wiederholen. [36]

Abschied vom Massenarbeiter

»Gasparazzo ist nicht ewig ...« [37]

Vor diesem Hintergrund erschien Mitte 1975 Negris Buch Proletari e Stato. Diese kurze Broschüre war vollgepackt mit Hypothesen über die sich verändernde Natur des Klassenkampfs. Sie ließ endgültig alles Zögern, von einer neuen Klassenzusammensetzung zu reden, fallen, und hob durchgängig darauf ab, daß es in der Krise eine Erneuerung und im Bruch eine Kontinuität gebe, sowohl für die Kritik der politischen Ökonomie als auch für den Prozeß des gesellschaftlichen Antagonismus. Negri meinte, die Versuche des Kapitals, die Klasse nach dem Heißen Herbst durch eine Veränderung ihrer technischen Zusammensetzung und durch die weitere Vergesellschaftung des Lohnverhältnisses zu spalten, seien nach hinten losgegangen. Wie ein moderner Zauberlehrling habe das Kapital mit seinen Versuchen, die Kontrolle zurückzugewinnen, nur seine Probleme vervielfacht, denn obwohl die Offensive des Massenarbeiters zum Stillstand gebracht worden sei, seien statt ihm neue proletarische Schichten - ja, eine neue Klassenfigur - in die Schlacht eingetreten. Wenn diese neue Klassenfigur das Kind der vorhergehenden Runde von Kämpfen sei, dann habe die Krise der kapitalistischen Entwicklung dabei die Hebamme gespielt. Wie in Partito operaio contro il lavoro versuchte Negri in Proletari e Stato, seine Analyse der Klassenzusammensetzung am tendenziellen Fall der Profitrate festzumachen. In Anlehnung an eine Argumentation der operaistischen Zeitschrift Primo Maggio forderte Negri aber nun, daß die Krisentheorie wesentlich modifiziert werden müsse. Natürlich sei es richtig, daß die »Marx'sche Tendenz« in Aktualität umgeschlagen sei und die mit der Profitrate verbundenen Probleme durch den Klassenkampf verschärft worden seien. Genau deshalb aber seien die traditionellen entgegenwirkenden Tendenzen des Kapitals bislang erfolglos geblieben:

»Trotz des Zwangs zu größerer Flexibilität der Arbeitskraft, trotz Versuchen, die Produktion räumlich zu zergliedern (auf allen Ebenen: lokal, regional, national, multinational), trotz der neuen weltweiten Mobilität des Kapitals, trotz der beunruhigenden Auswirkungen des Inflationsprozesses: trotz alledem und noch vieler anderer Versuche ist daher die Rigidität des Verhältnisses zwischen Mehrwert und Gesamtkapital insgesamt - d.h. die Profitrate - nicht aufgelöst worden... Der Profit »stagniert« ... trotz der Inflation und allen anderen Gegenmaßnahmen.« [38]

Vielmehr sei das Kapital zunehmend gezwungen, sich die besonderen Eigenschaften der Geldform zu Nutze zu machen, um Profitmasse und Profitrate wieder in ein korrektes Verhältnis zueinander zu bringen. Folglich müsse jetzt die Kritik der politischen Ökonomie erweitert werden und die neue Funktion des Geldes als Kommando miteinbeziehen. Gleichzeitig sei es dem Kapital trotz seiner Probleme gelungen, seine organische Zusammensetzung und damit die technische Zusammensetzung der Arbeiterklasse zu reorganisieren. Aber trotz ihrer verheerenden Auswirkungen auf den Massenarbeiter habe die Umstrukturierung auch zu einer größeren Vergesellschaftung des Kapitals und damit zu einer »weiteren Vermassung der abstrakten Arbeit und somit der zum Kampf bereiten gesellschaftlich verstreuten Arbeit« geführt. »Die Kategorie 'Arbeiterklasse'« sei zwar »in die Krise geraten«, aber, so Negri, »als Proletariat wirkt sie sich weiterhin auf dem gesamten gesellschaftlichen Terrain aus«[39]

Den Ausdruck »gesellschaftlicher Arbeiter« hatte erstmals ein Jahr vorher der parteilose Operaist Romano Alquati geprägt. Er hatte darunter ein neues politisches Subjekt verstanden, das den Massenarbeiter überholte und als solches mit der Proletarisierung und Vermassung der intellektuellen Arbeit zusammenhing. [40] In Negris Definition war die intellektuelle Arbeit enthalten, sie ging aber gleichzeitig weit über sie hinaus. Für ihn beruhte »die Theorie des Operaismus genau auf der grundlegenden These, daß die Arbeit immer abstrakter und gleichzeitig immer stärker vergesellschaftet wird«, wie er es 1978 ausdrückte. [41] Der Massenarbeiter war zwar die »erste vermasste Konkretisierung« dieser These, [42] aber als Figur war er immer noch an bestimmte Sektoren der Klasse gebunden, vor allem an die konsumgüterproduzierenden Sektoren der Metallindustrie. Er war nicht die Arbeiterklasse, sondern ihre Avantgarde: »Der Massenarbeiter und davor schon der Facharbeiter gegenüber den Bauern«, sagte Alquati später, »haben uns gelehrt, daß Hegemonie nicht auf Zahlen beruht, sondern auf der Qualität des Verhältnisses in der Akkumulation«[43] Als logische Schlußfolgerung aus dem Ansatz, den Negri erstmals mit Krise des Planstaats aufgestellt hatte, stellte der gesellschaftliche Arbeiter für ihn also einen radikalen Bruch in der Genealogie der Klassenfiguren dar, die der italienische Operaismus klassifiziert hatte, insofern er nämlich die erste Klassenfigur sei, die nicht in der qualitativen Umgestaltung des unmittelbaren Produktionsprozesses geschmiedet worden sei. Erst recht nicht sei der Operaio sociale an eine besondere Branche gebunden: vielmehr sei er das ganze Proletariat, das durch den gesamten Verwertungsprozeß konstituierte Subjekt qua abstrakte Arbeit. Zum ersten Mal, behauptete Negri, sei eine neue Klassenzusammensetzung nicht von einer technologischen Niederlage geschaffen worden, sondern habe sich die Kontinuität und Verallgemeinerung des Kampfs Hand in Hand mit der Vergesellschaftung des Kapitalverhältnisses entwickelt. [44]

Proletari e Stato kam sehr allgemein, ja mit Allgemeinplätzen daher; der Text verkündete zwar, die neue Klassenfigur sei zutiefst gesellschaftlich, aber er sagte sehr wenig über die Veränderungen in der Physiognomie des Massenarbeiters, die zu ihrer Herausbildung geführt hätten. Die wichtigsten Fragen drehten sich für Negri vielmehr um das »massive revolutionäre Potential« des gesellschaftlichen Arbeiters und einen sich entfaltenden Neuzusammensetzungsprozeß »von außerordentlicher Breite und Intensität«. Das Umstrukturierungsprojekt des Kapitals habe die politische Zusammensetzung des Proletariats nicht zerstört, sondern noch stärker gemacht, indem es die verschiedenen Schichten, die es zu spalten versucht habe, vereinigt habe. Laut Proletari e Stato herrschte nun »im gesamten Planungsprozeß der kapitalistischen Gesellschaft ein einziges Ausbeutungsgesetz«, so daß man zwangsläufig »die Umstrukturierung als Herausbildung eines immer breiteren einheitlichen Potentials von Kämpfen verstehen« müsse. [45]

Eher als aus Proletari e Stato selbst kann man sich aus Rosso ein Bild von den konstituierenden Elementen der neuen Klassenfigur machen. 1975 hatte ein neuer Zyklus von Tarifauseinandersetzungen begonnen; wie 1972/73 betonten die Autonomen, daß die ArbeiterInnen am Preis der Arbeitskraft in die Offensive gehen müßten. Damit, so hofften sie, würde der Klassenkampf die völlig außer Kontrolle geratenen Löhne, die viele Führer in Wirtschaft und Politik als Hauptproblem der italienischen Ökonomie sahen, weiter hochtreiben. Auf dem elementaren Terrain der Trennung zwischen notwendiger Arbeit und Mehrarbeit, behauptete das Papier, könne die Arbeiterklasse nur mit einer Kampagne zur weiteren Verkürzung des Arbeitstages bei vollem Lohnausgleich antworten. Diese Forderung vertrat Negris Organisation dann auch unter den Mailänder AutomobilarbeiterInnen. [46]

Die Großfabriken stellten zwar weiterhin die Spitze der industriellen Pyramide dar, aber die breite räumliche Zerstreuung vieler Arbeitsprozesse verbunden mit der traditionellen Bedeutung vieler kleinerer teileproduzierender Firmen gab den ArbeiterInnen in kleineren Betrieben immer mehr Gewicht. Dementsprechend begann Rosso auch, die ersten Selbstorganisationsversuche junger ArbeiterInnen in den Kleinbetrieben von Mailand und Turin zu dokumentieren. Diese als »proletarische Jugendzirkel« bekannten lokalen Gruppierungen versuchten Auseinandersetzungen in verschiedenen Firmen zu koordinieren und betrieben gleichzeitig neue Formen von autoriduzione wie die Besetzung von Kinos für Konzerte und andere kulturelle Aktivitäten. [47]

Die Zeitung ging über die Betriebe hinaus und verfolgte auch die Bewegung der »organisierten Arbeitslosen« in Neapel. Die Bewegung in Neapel verband direkte Aktion und Lobbyarbeit in einer für miese Wohnverhältnisse ebenso wie für eine korrupte Verwaltung bekannten Stadt und mobilisierte binnen Kürze Tausende von arbeitslosen ArbeiterInnen und wurde zum zentralen Bezugspunkt für militante Aktivitäten in der Region. [48] Anderswo beschäftigte sich die immer stärkere Frauenbewegung nicht nur mit dem Problem der Ehescheidung, an dem sie 1974 die Regierung zu Fall gebracht hatte, sondern stellte zunehmend alle Aspekte gesellschaftlicher Herrschaft in Frage. Wie die Arbeitslosen sah Rosso auch die Feministinnen als integralen Bestandteil des neuen gesellschaftlichen Subjekts, und die Zeitung begann jetzt von der Entstehung eines »neuen weiblichen Proletariats« zu sprechen. [49] Als weiteren roten Faden, der diese Schichten in einen Vereinigungsprozeß von Neuzusammensetzung verband, sah Negris Organisation schließlich die fortdauernde Praxis der autoriduzione und besonders die zunehmenden Fälle von organisierten Plünderungen. [50]

Negri vertrat die These, daß es in all diesen Kämpfen den Leuten darum ginge, ihre Bedürfnisse außerhalb der Logik der kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse zu erfüllen. Da Bedürfnisse immer historisch bestimmt seien, könnten sich die Bedürfnisse des gesellschaftlichen Arbeiters nur im Universum des Kapitals konstituieren. Wie man sich denken kann, war seine Interpretation hier wiederum von den Grundrissen geprägt. Den Teufelskreis der Kapitalreproduktion könne nur der Gebrauchswert - die lebendige Arbeit - durchbrechen. Da die Reproduktion des Kapitals von der lebendigen Arbeit lebe, könne diese das Klassenverhältnis sprengen, wenn sie sich in Verweigerung der Arbeit verwandle, in eine Kreativität, die sich auf die Reproduktion des Proletariats als antagonistisches Subjekt richte. Daher sei es dringend nötig, das bestehende System von Bedürfnissen durch ein »System von Kämpfen« zu ersetzen, in deren Förderung nach wie vor die Hauptberechtigung einer revolutionären Partei liege. [51] Im Sinne der Grundrisse bezog Negri diese Diskussion wiederum auf die Dialektik zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Genau in dem Moment, wo es so aussehe, als sei »der alte Widerspruch« überwunden und die lebendige Arbeit dem Kapital subsumiert, »gerinnt die gesamte Kraft der Aufsässigkeit in jener letzten Front, nämlich im antagonistischen und allgemeinen Fortbestand der gesellschaftlichen Arbeit. Von hier aus stellt sich die Produktivkraft - die einzige Produktivkraft, d.h. die gesellschaftliche lebendige Arbeit - als Kampf den 'Produktionsbedingungen' und den in diesen verkörperten 'Produktivkräften' entgegen.« Marx' traditionelle Formel wurde also neu gefaßt als direkter Antagonismus zwischen Proletariern und Staat. [52]

Hier gab Proletari e Stato zwar einfach einem Marx'schen Schema eine typisch »negrianische« Wendung, aber an anderen Stellen stellte der Aufsatz eine der zentralen traditionell operaistischen Kategorien, nämlich den Lohn, in Frage. Lange hatte der Lohn als wichtigster Moment der Klassenneuzusammensetzung gegolten, während Negri jetzt die offizielle Arbeiterbewegung dafür kritisierte, daß sie die Klassenverhältnisse nur in diesem Sinne verstehe. Er vertrat die These, daß der Lohn im unmittelbaren Produktionsprozeß und die Aneignung in der gesellschaftlichen Sphäre lange Zeit getrennt marschiert seien, aber vereint geschlagen hätten; heute aber würde aus dem ersteren tendenziell die letztere, denn die Arbeiterklasse versuche sich »die Produktivkräfte des gesellschaftlichen Reichtums direkt wiederanzueignen«. Tatsächlich sah Negri die direkte Wiederaneignung nicht mehr nur »als vages Anhängsel des kommunistischen Programms, sondern als seinen wesentlichen Gehalt«. Früher habe der Lohnkampf alle anderen Kämpfe seiner Logik untergeordnet; jetzt habe er nur noch als Teil eines gesamtgesellschaftlichen Angriffs auf den Staat Bedeutung. Neben den Kampf um das Verhältnis zwischen notwendiger Arbeit und Mehrarbeit sei der Kampf um die Reduzierung der notwendigen Arbeit selbst getreten, da das Proletariat danach strebe, die Tendenz des Kapitals zu beschleunigen und damit den Sturz der Tyrannei der Ökonomie voranzutreiben. [53]

Laut Proletari e Stato stand und fiel die Hypothese vom gesellschaftlichen Arbeiter mit ihrer Gültigkeit in der Praxis. Inwieweit also entsprach die in ihr enthaltene Behauptung, daß es einen massenhaften Neuzusammensetzungsprozeß - einen qualitativen Sprung in der Klasseneinheit - gebe, der damaligen Realität in Italien? Das Problem der »marginalen Zergliederung«, womit die eigentümlichen Verhaltensweisen der neuen gesellschaftlich »marginalisierten« Schichten gemeint waren, tippte Negri in der Broschüre selbst nur ganz kurz an. Selbst hier schienen die Bedürfnisse von Subjekten wie Frauen und Arbeitslosen nur insoweit politische Bedeutung zu haben, wie sie sich nicht auf »die Forderung nach Lohnarbeit« reduzieren ließen. [54] Aber so leicht sich eine zeitliche Kontinuität zwischen den Kämpfen des Massenarbeiters im Heißen Herbst und den Kämpfen der neuen gesellschaftlichen Subjekte Mitte der siebziger Jahre zeigen läßt, so schwer ist es, Spuren jener konkreten Vereinigung zwischen Sektoren zu entdecken, auf der Negris ganze These beruhte. Zum größten Teil erfüllte sich diese Möglichkeit leider überhaupt nicht, und die Front, wo die Betriebskämpfe am heftigsten waren - die Kleinfabriken im Norden - blieb hermetisch von den anderen Sektoren der Klasse abgeschnitten. Auch wenn man später - 1977 - behaupten konnte, daß die Universität die Rolle eines solchen vereinigenden Momentes spielte, war es 1975/76 nur die Praxis der autoriduzione - die vor allem die »proletarischen Jugendzirkel« betrieben - die die immer weiter auseinanderdriftenden Schichten der italienischen Arbeiterklasse ein Stück weit miteinander verbinden konnte. [55]

Die dramatischsten und wichtigsten Spaltungen dieser Zeit führten sowohl zur Trennung der ArbeiterInnen in den Großfabriken im Norden von den übrigen Subjekten, die in Negris Klassenfigur zusammengruppiert waren, als auch zu einer immer größeren Spaltung im Massenarbeiter selbst. Nach den Kämpfen eines halben Jahrzehnts steckten die wichtigsten Protagonisten des Heißen Herbsts im besten Fall in einem »produktiven Waffenstillstand« in der Fabrik fest, im schlimmsten Fall waren sie in defensiv ausgerichtete und in die institutionellen Ambitionen der offiziellen Arbeiterbewegung eingebundene betriebliche Auseinandersetzungen verstrickt. Die Gewerkschaftsverbände hatten nach 1973 einen Großteil der Fabrikräte auf ihre Seite ziehen und dabei bürokratisieren können - vor allem weil sie in der zunehmend zentralisierten Tariflandschaft die Rigidität der Arbeitskraft gewährleisten konnten. Praktisch hatte das zweierlei bedeutet: Erstens fingen die Gewerkschaften in neuem Gewand wieder an, wie früher über Lohnhierarchien unter den ArbeiterInnen auf Grundlage von Qualifikationen zu reden, was in krassem Widerspruch zum egalitären Geist der Jahre davor stand; zweitens versuchten die Gewerkschaften ausdrücklich, die Arbeiterforderungen den Anforderungen der Akkumulation anzupassen. [56] Nach Ablösung der Mitte-Links-Regierung der 60er Jahre durch immer autoritärere Regierungen und mit den Ereignissen in Chile im Kopf schlug die PCI-Führung nun den Weg eines »historischen Kompromisses« mit den regierenden Christdemokraten ein - und dieses Ziel schien mit den PCI-Erfolgen bei den Regionalwahlen 1975 näher zu rücken. Mit Hilfe des linken Gewerkschaftsverbands CGIL gewann die Kommunistische Partei zwar einen Teil ihrer in den Jahren zuvor verlorenen Präsenz in den Betrieben zurück, aber ihre politischen Ambitionen ließen ihre traditionelle Feindseligkeit gegenüber Kämpfen noch stärker hervortreten, die sich ihrer Meinung nach gegen die notwendige Umstrukturierung der Wirtschaft richteten und »korporatistisch« waren. [57]

An der Betriebsfront selbst gab es Anzeichen, daß viele Arbeitgeber von den Kämpfen des Massenarbeiters überhaupt nicht in die Knie gezwungen worden waren, sondern ihre Anstrengungen zur Unterwerfung des »Arbeitsfaktors« nur noch verstärkt hatten. Bei Fiat zum Beispiel hatte das Management einen komplizierten Manöverkrieg begonnen, um die Macht über die Produktion, die die Arbeiter in den Kämpfen des Heißen Herbstes gewonnen hatten, zu untergraben. Mit Hilfe des staatlichen Kurzarbeitsfonds Cassa Integrazione reorganisierte das Management den gesamten Produktionszyklus und fuhr die Produktion in einigen Bereichen herunter, während sie gleichzeitig in anderen haufenweise Überstunden kloppen ließ. Gleichzeitig wurde die Teilefertigung zunehmend in kleinere - zum Teil erst kurz zuvor im Ausland eröffnete - Werke des Konzerns verlagert. Diese Zergliederung des Produktionszyklus schränkte die in den Jahren zuvor vielgenutzten Möglichkeiten der militanteren Bereiche bei Mirafiori, den Betrieb zu stören und miteinander zu kommunizieren, stark ein und machte es dem Management gleichzeitig möglich, mit neuen robotergestützten Produktionsprozessen zu experimentieren. Nach Reduzierung der Fiat-Gesamtbelegschaft um 13 Prozent durch natürliche Fluktuation und Entlassungen wegen Absentismus in den zwei Jahren bis September 1975 wurden immer mehr Fiat-Beschäftigte durch die steigende Inflation zu Überstunden gezwungen, was die Ausbreitung der Militanz erst recht blockierte. Und als ob all das nicht genügt hätte, bestätigte die Gewerkschaft dem Fiat-Management im Juli 1975 das Recht, die Mobilität innerhalb des Betriebs zu kontrollieren. Nach diesem Sieg wurden massenweise Leute zwischen den verschiedenen Werken versetzt, was die Rigidität der Beschäftigten noch weiter schwächte. Marco Revelli schrieb später: »Die Arbeitgeber benutzten Fiat damals eher zur erweiterten Reproduktion der politischen Vermittlung (und des gesellschaftlichen Konsenses) als zur Produktion von Waren, und es wurde deutlich, daß die Gewerkschaft als Schatten, als fetischisierte Form einer personifizierten »Arbeitermacht« überleben konnte. Es wurde aber auch deutlich, daß mit dem Zerbrechen der Klassenzusammensetzung, auf der dieses Modell von Gewerkschaft materiell und gesellschaftlich beruht hatte, der Moment kam, wo der Unternehmer versuchte, ein paar Rechnungen zu begleichen.« [58]

Trotz all ihrer anderen Probleme blieb der bei Fiat entstandene Kern von Massenarbeitern in jenen Jahren stark genug, um ihre Arbeitsplätze zu behalten. Anderswo waren die IndustriearbeiterInnen aber nicht so sicher. In der Lombardei zum Beispiel fingen jetzt hunderte von Firmen an, ihre Produktionsprozesse zu dezentralisieren und zu rationalisieren. Der symbolträchtigste Fall - das zu British Leyland gehörende Innocenti-Werk - macht auch die Spaltungen deutlich, die die Fabrikarbeiterklasse selbst durchzogen. Die erste Runde der Auseinandersetzungen bei Innocenti hatte im April 1975 begonnen, als das Management einige Arbeiter in die Cassa Integrazione und die restlichen zu höheren Bandgeschwindigkeiten zwang. Ende August verschlechterte sich die Situation noch mehr: Nun wurden die Beschäftigten mit der Aussicht auf die Entlassung eines Drittels der Belegschaft und auf dauerhaft längere Arbeitszeiten und kürzere Takte für den Rest konfrontiert. Der hartnäckigste Widerstand gegen diese Angriffe kam von einer kleinen Zahl von Militanten, die sich zunächst von den linksradikalen Gruppen distanziert und dann eine Basisorganisation gebildet hatten, die einen gewissen Rückhalt in Schlüsselabteilungen im Werk hatte. Das Coordinamento Operai Innocenti, dem im PCI-dominierten Fabrikrat die Mehrheit feindselig gegenüberstand und das mit der Verlagerung des Kampfs aus den Abteilungen in die Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Firma immer mehr ins Abseits geriet, mußte bald feststellen, daß es sich »im Auge des Zyklons« befand, wie ein ehemaliges Mitglied später sagte. Ende Oktober kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Gruppenmitgliedern und -unterstützern einerseits und PCI- und CGIL-Funktionären andererseits. Am Tag darauf wurden sechs Mitglieder der Gruppe gefeuert, womit das Coordinamento als Kraft im Betrieb praktisch erledigt war, und damit auch die Möglichkeit eines Kampfs außerhalb der Verpflichtung der historischen Linken auf das »Management« der nationalen Wirtschaftsprobleme. [59]

Obwohl Proletari e Stato in gewissen Kreisen als neues Autonomia-Programm gefeiert wurde, stieß es bei anderen wegen seines Desinteresses an diesen Rückschlägen für den Massenarbeiter auf wütende Reaktionen. Während einige frühere Gegner von Negri vielen Thesen des Buches begeistert zustimmten, [60] waren langjährige Mitstreiter, die außerhalb des »organisierten Flügels« der Autonomia geblieben waren, nicht sehr erfreut. Besonders enttäuscht war Sergio Bologna, Redakteur von Primo Maggio, der mit Negri weiterhin an einer Reihe von Forschungsprojekten zusammengearbeitet hatte. Bologna schrieb, Negri habe mit Proletari e Stato einige »objektive Mechanismen der politischen Zusammensetzung« erfaßt, die in der italienischen Gesellschaft abliefen, dabei aber die mindestens ebenso wesentlichen Gegentendenzen völlig außer acht gelassen:

»Wieviele Arbeiter, wieviele Fabriken sind in den letzten beiden Jahren mit dem Problem der Betriebsschließung konfrontiert gewesen, und wieviele Kämpfe sind in der Alternative zwischen der Verteidigung des Lohns unabhängig vom Austausch der Arbeitskraft und Produktionsgenossenschaften ausgebrannt? Zwischen garantiertem Lohn und Selbstverwaltung, Fabrikschließung und Hinnahme der Umstrukturierung? In dieser Situation hat die revolutionäre Linke entweder keine anderen Alternativen anbieten können oder sich im besten Fall auf die Aussage beschränkt, daß die Frage falsch gestellt sei und als solche zurückgewiesen werden müsse. Die zusammenhängendste Position der revolutionären Linken war die Aussage, daß die Zerstörung des Arbeiters als Arbeitskraft gut sei und die Rekrutierung und Auswahl der Avantgarde nur voranbringen könne. Es hat viele kleine (oder große) Schlachten gegeben, aber im Laufe dieser Schlachten hat sich die politische Zusammensetzung der Klasse in den Fabriken wesentlich verändert, und zwar mit Sicherheit nicht in die Richtung, die Negri andeutet. Vielmehr hat das Gegenteil von der Tendenz zu größerer Einheit, von der er redet, stattgefunden, nämlich eine tiefere Spaltung: nicht zwischen Fabrik und Gesellschaft, sondern innerhalb der Fabrik selbst, zwischen der Rechten und der Linken in der Arbeiterklasse. Zusammengefaßt läßt sich sagen, daß die Reformisten die Hegenomie über die Fabriken wiedergewonnen haben und brutal und rücksichtslos versuchen, die Klassenlinke zu enthaupten und aus der Fabrik zu vertreiben.« [61]

Statt zu versuchen, diese Verwirrung zu begreifen, habe Negri lieber das Metier des Theoretikers betrieben, der im Besitz irgendeiner großartigen Synthese sei. Durch die Erfindung »einer anderen gesellschaftlichen Figur, der er den Befreiungsprozeß auftragen kann« habe Negri nämlich hinsichtlich der Schwierigkeiten des Massenarbeiters und der Unfähigkeit von Negris eigener Organisation, in ihm irgendwie vorwärtszukommen, einfach seine Hände in Unschuld gewaschen. Vom Anbruch eines neuen Zeitalters könne also überhaupt keine Rede sein:

»Wir befinden uns nicht im Jahre Eins, wir sind nicht wieder zur Geburt der »neuen Linken« der 60er Jahre zurückgekehrt; wir sind noch nicht mal bei der Neudefinition einer anderen Figur als dem Massenarbeiter. Selbst wenn das Verhältnis zwischen gesellschaftlichem Arbeiter und Partei sich wirklich verändert hätte, die Zivilgesellschaft nicht mehr existierte und sich auch die Theorie des Klassenbewußtseins verändert hätte, was würde es bringen, weiter das vollendete Handwerk des Theoretikers und Ideologen zu betreiben? Die Form des politischen Diskurses ist überholt, die millenaristische Sprache kann einem nur auf den Sack gehen, und diese Form der Theorie hat es, wie jede andere 'allgemeine Theorie', nur verdient, daß man sie negiert... Dazu kann man nur noch sagen, daß auf dieser Grundlage keine Debatte mehr möglich ist, sie ist langweilig. Finden wir lieber eine neue Grundlage. Sicher, 'die Unordnung unter der Sonne ist groß, deshalb ist die Lage ausgezeichnet'.« [62]

Die Kritik des römischen Flügels der Autonomia war ebenso ätzend. Nachdem sich die Comitati Autonomi Operai ein Jahr lang an der Produktion von Rosso beteiligt hatten, hatten sie Ende 1976 schließlich genug. Wie Bologna meinten die Römer, daß Negris Abschied von der Sphäre der direkten Produktion als zentralem Terrain des Klassenkampfs nur »katastrophale« Folgen haben könne, [63] und glaubten, daß diese Differenzen auf einer tiefergehenden Differenz in der Frage der Methode beruhten. Sie beklagten sich, daß die Mailänder Beiträge zur Klassenanalyse der Autonomia »so emphatisch wie wenig überzeugend« seien, und stellten fest:

»Wir haben Dein Interesse an den 'neuen Schichten' (proletarischen Jugendlichen, Feministinnen, Schwulen) und an neuen und begrifflich neu gefaßten politischen Subjekten (dem 'gesellschaftlichen Arbeiter') immer geteilt und tun es immer noch. Aber gerade weil diese Phänomene unbestreitbar politisch wichtig sind, sind äußerste analytische Strenge, große Vorsicht bei Untersuchungen und ein stark empirischer Ansatz nötig (Fakten, Daten und Beobachtungen und nochmals Beobachtungen, Daten und Fakten) ...« [64]

Negri ignorierte diese Ratschläge und widmete einen Großteil seiner Energie fortan der Entwicklung einer neuen, dem gesellschaftlichen Arbeiter angemessenen »Untersuchungsweise«.

Negri jenseits von Marx

Während Negri Ende der 60er Jahre wie andere Operaisten jener Zeit das Risiko eingegangen war, die Besonderheiten verschiedener Schichten der Arbeiterklasse unter den Massenarbeiter zu subsumieren, neigte er in der zweiten Hälfte der 70er Jahre dazu, selbst dieses teilweise konkrete Verständnis von Klasse in ein Proletariat aufzulösen, das nur noch aus Allgemeinplätzen bestand. Je mehr sich die Debatte um den gesellschaftlichen Arbeiter entfaltete, desto klarer wurde, wie unbestimmt Negris Abstraktion war. Sein sanftester Kritiker war vielleicht Alquati, der den gesellschaftlichen Arbeiter nach wie vor für eine »suggestive« Kategorie hielt; selbst er aber warnte davor, eine Ideologie um eine Klassenfigur herum zu konstruieren, die als reifes politisches Subjekt erst noch auf der Bildfläche erscheinen mußte. [65] Für Roberto Battaggia in Primo Maggio war Negris neues Subjekt eine nur durch Analogie aus dem Massenarbeiter abgeleitete Kategorie, der allerdings der »charakteristischste« Aspekt des Massenarbeiters fehle, nämlich eine enge Verbindung zwischen »materiellen Ausbeutungsbedingungen« und »politischen Verhaltensweisen«. In der Realität stelle sich der gesellschaftliche Arbeiter daher als Potpourri verschiedener Subjekte »mit völlig autonomen unmittelbaren Motivationen« von begrenztem Erkenntniswert dar. [66] So argumentierte auch Vittorio Dini, der vor allem kritisierte, daß Negri seinen Begriffsapparat seines Inhalts entleert habe. Früher habe Negri überzeugend geschrieben, daß diese Kategorie historisch bestimmt sei; jetzt wolle er das vom Operaismus lange beschriebene Spannungsverhältnis zwischen Fabrik und Gesellschaft mit einem theoretischen Trick lösen, indem er einfach behaupte, daß alle Momente des Zirkulationsprozesses gleichermaßen wertproduktiv seien. Ähnlich habe er kurzerhand eine neue Klassenfigur umrissen, indem er Tendenz und Aktualität gleichgesetzt habe, obwohl ein solches Projekt eigentlich viel Zeit und Sorgfalt erfordere. [67]

Auch der Teil von Negris neuer Analyse der Klassenzusammensetzung, der den PCI behandelte, war enttäuschend. Er betonte zwar zu recht, daß die Versuche der kommunistischen Partei, die Schlacht um Herzen und Köpfe im Betrieb zu gewinnen, meist auf Strafmaßnahmen hinausliefen, ging dann aber nicht weiter darauf ein, daß die von Lapo Berti später so genannten »Verhaltensweisen im Kampf und Politischen 'Einstellungen'« vieler vom Heißen Herbst geprägter ArbeiterInnen immer weiter auseinanderklafften: die weiterhin in vielen Fabriken betriebene praktische Kritik der Arbeitsorganisation einerseits und die Unterstützung einer Parteiführung, die die bestehenden Produktionsverhältnisse als Teil der natürlichen Ordnung sah, durch die Arbeiterklasse andererseits. [68] Da Negri aber darauf beharrte, daß das reformistische Projekt in Zeiten kapitalistischer Krise keine materielle Grundlage habe, reichte es ihm, das Verhältnis zwischen ArbeiterInnen und PCI als reines Repressionsverhältnis darzustellen oder im übrigen dunkle Anspielungen zu machen, daß die Belegschaften der Großfabriken irgendwie parasitär seien. [69] Da kam ein Beitrag zur PCI-Sondernummer von Rosso im Juni 1976 der Wahrheit schon näher. Ausgangspunkt dieses Beitrags war die These des kommunistischen Intellektuellen Badaloni, seine Partei sei die Vertretung einer Facette des Daseins der Arbeiterklasse, nämlich als »organisierte Ware« Arbeitskraft, die ihren untergeordneten Platz in der Gesellschaft akzeptiere. Selbst hier aber wiesen die Römer von den Comitati Autonomi Operai später darauf hin, daß ihre Beiträge zur selben Sondernummer als einzige die praktische Diskussion der kommunistischen Politik und ihrer Umsetzung vorangebracht hatten, vor allem dort, wo der PCI schon als Regierungspartei auftrat - in der Stadtverwaltung einiger italienischer Großstädte. [70]

So schritt trotz der zunehmenden Kompliziertheit der italienischen Klassenpolitik Ende der 70er Jahre die Vereinfachung von Negris Schema zügig voran. Obwohl er die traditionellen marxistischen Krisentheorien ablehnte, nahm sein eigener Bezugsrahmen mindestens genauso katastrophische Züge an: »Das Machtgleichgewicht ist jetzt umgedreht«, schrieb er 1977 in einer Broschüre, von der schließlich 20 000 Exemplare verkauft wurden:

»Die Arbeiterklasse und ihre Sabotage sind die stärkere Macht - vor allem sind sie die einzige Quelle der Vernunft und des Werts. Von nun an läßt sich dieses von den Kämpfen hervorgebrachte Paradox nicht mehr vergessen, nicht einmal in der Theorie; je perfekter die Form der Herrschaft wird, desto leerer wird sie; je stärker die Verweigerung der Arbeiterklasse anwächst, desto mehr ist sie voller Vernunft und Wert... Wir sind hier; uns kann man nicht zerschlagen; und wir sind die Mehrheit.« [71]

Dieser Millenarismus führte dazu, daß die kreativsten Aspekte von Negris subjektivistischer Marx-Interpretation verkümmerten. Die vielversprechende - wiederum von Alquati geborgte - Vorstellung einer Arbeiterklasse, die ihre eigenen Bedürfnisse innerhalb des Kapitalverhältnisses und gegen es »selbstverwertet«, verlor jede Substanz, da ihr die widersprüchlichen Bestimmungen der Realität in Italien fehlten. Ähnlich war es mit Negris Verurteilung des Staatskapitalismus im Ostblock, seiner Suche nach einem neuen Maß der Produktion jenseits des Werts und seiner klaren Darstellung des revolutionären Prozesses als einem Prozeß, der auf dem Pluralismus von Massenorganen proletarischer Selbstverwaltung beruht, die immer wieder hinter einem theoretischen Rahmen verschwanden, der den Klassenkampf als tödliches Gefecht zweier Titanen darstellte. [72] Obwohl Negri auch die Idee akzeptierte, daß die Differenz etwas Positives in sozialen Veränderungsbewegungen darstellte, filterte sein eigenes Konzept des operaio sociale weiterhin alle besonderen und widersprüchlichen Merkmale aus ihm heraus und ließ nur ihre gemeinsame Bestimmung als Verkörperungen abstrakter Arbeit übrig. Da er letztere wiederum nur als eine Form reinen Kommandos verstand, wurde das Problem der politischen Neuzusammensetzung bei ihm immer stärker überdeterminiert durch eine Betonung der Gewalt, die, wie die Praxis eines Großteils der Autonomia zeigte, nicht weniger verarmt war als die der Roten Brigaden (auch wenn sie sich in Kultur und Form zutiefst von dieser unterschied). [73]

Man hätte eigentlich meinen sollen, daß die relative Leichtigkeit, mit der die Autonomia durch die Massenverhaftungen 1979/80 zerschlagen wurde, für eine derart mit Triumphalismus aufgeladene Perspektive einen fürchterlichen Schock bedeuten würde. Die politische Niederlage der Area machte Negri aber nicht etwa wieder ein bißchen vorsichtiger, sondern sein begrifflicher Rahmen verflachte einfach noch mehr. 1981 brach er mit der tonangebenden Gruppe in der nordostitalienischen Autonomia und beschuldigte ihre Exponenten, nicht nur an einem »bolschewistischen Organisationsmodell außerhalb von Raum und Zeit«, sondern mit dem Massenarbeiter auch an einem Subjekt festzuhalten, das »wenn nicht anachronistisch, so doch zuallermindest partiell und korporativ« sei. Damit hätten sie bewußt »eine neue politische Generation (nicht nur Kinder)« ignoriert, »die sich selbst in die großen Kämpfe für die Gemeinschaft, für den Frieden, für eine neue Art, glücklich zu sein, stellt. Eine Generation ohne Gedächtnis, die deshalb revolutionärer ist.« [74]

Diese Argumentationslinie baute er im gleichen Jahr in der Zeitschrift Metropoli noch aus und behauptete schließlich, Erinnerung könne nur als integrales Moment in der Logik der kapitalistischen Herrschaft verstanden werden:

»Die Klassenzusammensetzung des heutigen metropolitanen Subjekts hat keine Erinnerungen, weil das Proletariat nur durch Arbeit ein Verhältnis mit der Geschichte der Vergangenheit herstellen kann... Proletarische Erinnerungen sind nur Erinnerungen an vergangene Entfremdung... Die bestehenden Erinnerungen an 1968 und an die zehn Jahre danach sind heute nur noch die Erinnerungen des Totengräbers... Die Jugendlichen von Zürich, die Proletarier von Neapel und die Arbeiter von Danzig brauchen keine Erinnerungen... Der kommunistische Übergang bedeutet, daß es keine Erinnerungen gibt.« [75]

»Eure Erinnerungen sind euer Gefängnis geworden«, hatte Negri seinen ehemaligen GenossInnen vorgeworfen. [76] Bei ihm selbst bedeutete diese Hinwendung zu einer ewigen Gegenwart allerdings nur, daß er sich einfach den Verantwortlichkeiten der Vergangenheit entzog. Angesichts der Niederlage der operaistischen Tendenz - nach der Negri und tausende anderer AktivistInnen als »Terroristen« im Knast saßen - erkannte Sergio Bologna damals sehr klar, worin dieses Problem bestand:

»Ich habe Angst, und es geht mir sehr gegen den Strich, wenn ich Genossen sehe, die ihre Vergangenheit hassen oder, schlimmer noch, mystifizieren. Ich leugne meine Vergangenheit nicht, zum Beispiel meine operaistische Vergangenheit; im Gegenteil: ich erhebe Anspruch auf sie. Wenn wir alles wegwerfen, leben wir in einem Zustand permanenter Schizophrenie.« [77]

Es ist deprimierend, Negris Entwicklung an diesen traurigen Punkt jenseits von Operaismus und Marxismus zu verfolgen. Für die offensichtliche Hast, mit der er die meisten seiner Texte geschrieben hatte, war, wie er später selbst zugab, »diese fürchterliche Verstellung in allem, was wir geschrieben haben« verantwortlich: »Es ist die Sprache der marxistischen Tradition, aber sie enthält einen Rest von Simulation, der sie verzerrt und weitschweifig macht.« [78]

Dieser Fehler rührte von der besonderen Denkweise her, die Negri von Mario Tronti, dem Vater des italienischen Operaismus, geerbt und vervollkommnet hatte. Diese Denkweise ging von realen gesellschaftlichen Prozessen aus, bezog sich aber schnell nur noch auf sich selbst. Eben um das zu vermeiden, hatte Marx die schwindelerregenden begrifflichen Höhenflüge der Grundrisse aufgegeben und sich den nüchternen, aber historisch spezifischen Passagen des Kapital zugewandt. Negri überzeugte das nicht, aber er hätte wenigstens auf Tronti selbst hören können, dessen Arbeiten zur Klassenzusammensetzung ebenso wie Negris zeigen, wie berechtigt die Warnung von Operai e capitale war, daß »ein Diskurs, der sich aus sich selbst heraus entwickelt, das tödliche Risiko eingeht, sich immer und ausschließlich durch den Fortgang seiner eigenen formalen Logik zu bestätigen«[79]

 

Anmerkung der Zirkularredaktion zu den Quellennachweisen:

Von Negris Texten sind viele übersetzt, aber nicht alle; zudem ist es schwer, immer die vorhandenen Übersetzungen, auf die der Autor sich bezieht, aufzuspüren, gerade wenn die Seitenangaben oder die Titel nicht eindeutig zuzuordnen sind. Wir haben deshalb in den Fußnoten auf uns bekannte deutsche Übersetzungen verwiesen, ohne jedoch die Zitate herauszusuchen und abzugleichen.


Fußnoten:

[1] Originaltitel: Negri's Class Analysis - Italian Autonomist Theory in the 70s, erschienen in: Aus: Reconstruction 8, Winter/Frühjahr 1996.

[2] H. Partridge, Interview with Toni Negri, November 1980 in: Capital & Class 13, Frühjahr 1981, S. 136.

[3] Eine kurze Einführung in die als »Operaismus« bekannt gewordene italienische Spielart des Marxismus und in Begriffe wie die »immaterielle Arbeit« findet sich bei S. Wright, Confronting the Crisis of Fordism: The Italian debates, in: Reconstruction 6, Sommer 1995/96.

[4] A. Negri, Constituent Republic, in: Common Sense 16, Dezember 1994, S. 89.

[5] Vgl. M. Melotti, Al tramonto del secolo, in: vis-a-vis 4, Winter 1996.

[6] Vgl. G. Bocca, Il caso 7 aprile: Toni Negri e la grande inquisizione, Mailand: Feltrinelli 1979, Kap. 5.

[7] Die Teilnehmerzahlen an der Konferenz in Bologna gibt die römische Organisation mit »über 400« [Comitati Autonomi Operai (Hg.): Autonomia Operaia, Rom: Savelli 1976, S. 33] und Negri mit »maximal 300 Leute« [in G. Soulier: »AUTONOMIE-AUTONOMIES«, in: Recherches 30, November 1977, S. 88] an.

[8] »Dalla relazione introduttiva«, Autonomia Operaia, a.a.O., S. 40, 43. Einblicke in die ersten autonomen Fabrikkollektike und in die frühe italienische Frauenbewegung finden sich bei E. Cantarow, Women's Liberation and Workers' Autonomy in Turin and Milan, in: Liberation, Oktober 1972 und Juni 1973.

[9] »Una proposta per un diverso modo di fare politica«, Rosso 7, Dezember 1973; wiederveröffentlicht in L. Castellano (Hg.), Aut.Op. La storia e i documenti, Mailand: Savelli 1979, S. 96, 92.

[10] A. Negri, Partito operaio contro il lavoro, in S. Bologna, P. Carpignano, A. Negri: Crisi e organizzazione operaia, Mailand: Feltrinelli 1974, S. 126. Auf deutsch erschienen in: Toni Negri, Massenautonomie gegen Historischen Kompromiß, München: Trikont 1977.

[11] A. Negri, Zyklus und Krise bei Marx. 2 Aufsätze, Berlin: Merve 1972; englisch: »Marx on Cycle and Crisis«, in: Revolution Retrieved, London: Red Notes 1988, S. 65.

[12] ebenda, S. 57.

[13] ebenda, S. 54.

[14] Negri, Partito operaio..., a.a.O., S. 109.

[15] ebenda, S. 123 f.

[16] K. Marx, Capital I, Harmondsworth: Penguin 1976, S. 770; Capital II, Harmondsworth: Penguin 1981, S. 486.

[17] A. Negri, Marx oltre Marx. Quaderno di lavoro sui Grundrisse, Mailand: Feltrinelli 1979, S. 109 f.; englisch: Marx Beyond Marx, South Hadley, Mass.: Bergin & Harvey 1984, S. 100 f.

[18] Negri, Partito operaio... , a.a.O., S. 114 f.

[19] ebenda, S. 126, 127, 129.

[20] ebenda, S. 126, 128.

[21] A. Negri, The Party of Mirafiori, englisch in Red Notes (Hg.), Working Class Autonomy and the Crisis: Italian Marxist Texts of the Theory and Practice of a Class Movement. 1964-1979, London: CSE Books 1979, S. 64.

[22] A. Negri, Theses on the Crisis, englisch in: Red Notes (Hg.), a.a.O., S. 53.

[23] Negri, Partito operaio ... , a.a.O., S. 159.

[24] A. Negri, Crisis of the Planner-State, in: Revolution Retrieved, a.a.O., S. 138. Auf deutsch erschienen als: Krise des Planstaats. Kommunismus und revolutionäre Organisation, Berlin: Merve 1973. Italienische Ausgabe: Crisi dello Stato-piano, Mailand: Feltrinelli 1974.

[25] Negri, Partito operaio ... , a.a.O., S. 143.

[26] B. Ramirez, Der Kampf der Arbeiterklasse gegen die Krise. Die eigenmächtige Herabsetzung der Preise in Italien, in: Zerowork, TheKla 10, Berlin: Sisina 1988; englisch: Self-reduction of prices in Italy, Zerowork, Political Materials, No. 1, Herbst 1977, wiederveröffentlicht in: Midnight Notes (Hg.): Midnight Oil, New York: Autonomedia 1992, S. 190.

[27] Das Zentrum der Besetzungen waren private Mietshäuser in San Basilio, einer der übelsten Slumbezirke von Rom. Die radikale Linke war derart gespalten, daß die unterschiedlichen Gruppen getrennte Besetzungen organisierten. Berichte finden sich in Autonomia Operaia, a.a.O., S. 205-211, 214-219 und in den Septemberausgaben der Zeitung Lotta Continua.

[28] »Milano: la spesa politica«, in: Controinformazione 5-6, 1974, S. 12 f.

[29] A.A. Alfa Romeo, Rivoluzione e lavoro, in: Rosso 11, Juni 1974, S. 15.

[30] Comitato Politico ENEL & Collettivo Policlinico: »Centralizzazione e responsabilità delle avanguardie«, Rosso 11, S. 11, und »Autonomia operaia organizzata: rapporto da Milano«, in: Autonomia Operaia, a.a.O., S. 71 ff.

[31] O. Scalzone und G. Vignale, La congiuntura del movimento e i malanni della soggettività, in: Pre-print 1, Dezember 1978.

[32] Ein frühes Beispiel für das schwierige Verhältnis der Autonomia zu anderen vom Triplice enttäuschten AktivistInnen war die Beteiligung einiger ihrer römischen Exponenten am Versuch von männlichen Lotta-Continua-Militanten, sich mit Gewalt in eine nationale Frauendemonstration im Dezember 1975 einzureihen. Franco Berardis Bericht über den Vorfall, der dazu führte, daß seine Bologneser Gruppe die formellen Beziehungen mit dem »organisierten« Flügel der Autonomia abbrach, finden sich in G. Soulier, a.a.O., S. 93.

[33] Zur Bedeutung der feministischen Kritiken am Leninismus siehe C. Bermani und B. Cartosio, Dieci anni di 'Primo Maggio■, in: Primo Maggio Nr. 19-20, Winter 1983/84, S. 5.

[34] Vgl. M. Lombardo-Radice und M. Sinibaldi, 'C'è un clima di guerra...■. Intervista sul terrorismo diffuso, in: L. Manconi (Hg.): La violenza e la politica, Rom: Savelli 1979.

[35] »Documento Politico della Segretaria dei Collettivi politici di Milano«, in: Rosso 7 (13.3.76), wiederveröffentlicht in: G. Martignoni und S. Morandilli (Hg.): Il diritto all'odio: dentro/fuori/ai bordi dell'area dell'autonomia, Verona: Bertani 1977, S. 229.

[36] Wie in »Organismi autonomi e 'area dell'autonomia■«, Collegamenti 6, Dezember 1974, (wiederveröffentlicht in Martignoni und Morandilli, a.a.O., S. 262) vorhergesagt worden war.

[37] B. Longo, Meno salario, piú reddito: la Cassa integrazione, in: Primo Maggio Nr. 5, Frühjahr 1975, S. 30. Gasparazzo war eine Comicfigur in der Zeitung Lotta Continua, die die im Heißen Herbst entstandenen männlichen »Massenarbeiter« karikierte.

[38] A. Negri: Proletari e Stato: Per una discussione su autonomia operaia e compromesso storico, Mailand: Feltrinelli 1976 (zweite Auflage), S. 12 f. Die ersten neun Thesen sind auf deutsch erschienen in; Toni Negri, Massenautonomie gegen historischen Kompromiß, a.a.O.

[39] ebenda, S. 14 f. Außer in seinen eigenen Werken wie Krise des Planstaats läßt sich eine Vorwegnahme von Negris These in den Überlegungen eines anderen ehemaligen Mitglieds von Potop, Franco »Bifo« Berardi, finden. Dieser Bologneser Militante schrieb im April 1973, die Fiat-Besetzung signalisiere die Krise sowohl des Leninismus als auch des Massenarbeiters, der jetzt von einer neuen Klassenzusammensetzung überholt werden, in der die »intellektuelle und technische Arbeit, die produktive Intelligenz (wissenschaftlich-technische Intelligenz)« tendenziell bestimmend wird«; »Mirafiori è rossa«, wiederveröffentlicht in: F. Berardi: Scrittura e Movimento, Venedig: Marsilio 1974, S. 8.

[40] Alquatis Version der Hypothese vom gesellschaftlichen Arbeiter und seines Verhältnisses zu den anderen Klassenfiguren des Operaismus ist dargestellt in R. Alquati, N. Negri and A. Sormano, Università di ceto medio e proletariato intellettuale, Turin: Stampatori o.J., S. 90 ff. Alquatis »Beitrag zu einem Lexikon« wurde auf deutsch gekürzt veröffentlicht in Thekla 8, Berlin: Sisina, 1988.

[41] A. Negri: Dall'operaio massa all'operaio sociale: Intervista sull'operaismo, Mailand: Multhipla 1979, S. 11. »Vom Massenarbeiter zum gesellschaftlichen Arbeiter«, Teile des Interviews finden sich in Thekla 5, Berlin: Sisina 1987. Allerdings nicht die hier zitierte Passage. Im Lesebuch zur Nicht-Arbeit (Karlsruhe 1981) ist das Interview zwar auch nicht komplett übersetzt worden, aber die hier erwähnte Stelle findet sich dort auf S. 54.

[42] Negri: Proletari e Stato, a.a.O., S. 15.

[43] R. Alquati, Università, formazione della forza lavoro intellettuale, terziarizzazione, in: R. Tomassini (Hg.): Studenti e composizione di classe, Mailand: Edizioni aut aut 1977, S. 75 f.

[44] Negri: Proletari e Stato, a.a.O., S. 36.

[45] ebenda, S. 36 f., 37.

[46] »Alfa Romeo 35 x 40« und »La proposta operaia«, in: Rosso III/1, 9.10.75.

[47] Zu diesen Erfahrungen vgl. Nanni Balestrinis Roman Die Unsichtbaren, München: Weismann Verlag 1988; italienisch: Gli Invisibili, Mailand: Bompiani 1987.

[48] Autonomia Operaia, a.a.O., S. 156 ff.

[49] »Un diverso 8 marzo« und »Note del sesto anno«, Rosso III/8, 24.4.76.

[50] Autonomia Operaia, a.a.O., S. 246 ff., 364 f.

[51] Negri: Proletari e Stato, a.a.O., S. 45, 46.

[52] ebenda, S. 45, 37, 32, 31, 6.

[53] ebenda, S. 51, 47 f.

[54] ebenda, S. 9, 64.

[55] Die Kämpfe in den kleinen Fabriken 1975 sind gut in der Zeitung Lotta Continua dokumentiert. Laut einem Bericht auf der Arbeiterkonferenz der Organisation im Juli 1975 war allein in Mailand in 116 Fabriken für 3 000 bis 5 000 ArbeiterInnen Cassa Integrazione eingeführt worden. Im September 1975 sollten nochmal 7 000 dazukommen (allein 1 500 bei Innocenti). 50 bis 60 dieser Betriebe waren von ihren Beschäftigten besetzt worden. »La lotta delle piccole fabbriche«, Lotta Continua, 24.7.75, S. 3.

[56] Vgl. P. Lange, G. Ross und M. Vannicelli, Unions, Change and Crisis: French and Italian Union Strategy and the Political Economy, 1945-1980, London: George Allen & Unwin 1982, S. 155; A. Graziosi, La ristrutturazione nelle grande fabbriche 1973-1976, Mailand: Feltrinelli 1979, Kapitel 1; M. Regini: »Labour Unions, Industrial Action and Politics«, in: P. Lange und S. Tarrow (Hg.), Italy in Transition: Conflict and Consensus, London: Frank Cass 1980; G. De Masi et al., Consigli operai e consigli di fabbrica: L'esperienza consiliare dalle origini a oggi, Rom: Savelli, 1978 (2. Auflage).

[57] Vgl. S. Hellman: »Il Pci e l'ambigua eredità dell'autunno caldo«, il Mulino 268, März/April 1980; Redazione romana di Rosso (Hg.): Compromesso senza operai, Mailand: Librirossi 1976.

[58] M. Revelli: »Defeat at Fiat«, Capital & Class 16, Frühjahr 1982, S. 99. Auf deutsch in Autonomie Neue Folge, Nr. 13.

[59] »Lotta all'Innocenti«, in: Primo Maggio Nr. 7, o.J.

[60] »Nelle lotte vive già una cooperazione antagonistica al processo di valorizzazione: occore trasformarla in cooperazione comunista«, in: Chiamiamo comunismo 0, März 1977.

[61] S. Bologna, 'Proletari e Stato■ di Antonio Negri: una recensione, in: Primo Maggio 7, p.27. Eine englische Übersetzung von Teilen dieses und des folgenden Zitats findet sich in B. Lumley, Review Article: Working Class Autonomy and the Crisis: Italian Texts of the Theory and Practice of a Class Movement. 1964-79, in: Capital & Class 12, Winter 1980/81, S. 132, 133.

[62] Bologna, 'Proletari e Stato■ ... , a.a.O., S. 28. Negris ziemlich bösartige Antwort auf Bolognas Skepsis steht im Editorial »Dopo il 20 giugno autonomia per il partito. Spariamo sui corvi«, in: Rosso III/10-11, S. 2.

[63] Wie zwei römische Autonome es dann in einem Leserbrief an Primo Maggio ausdrückten: »In der Geschichte der Arbeiterbewegung folgten auf jeden Abschied von der Fabrik die katastrophalsten Niederlagen...« Zitiert in Bermani und Cartosio, a.a.O., S. 11.

[64] »Lettera aperta alla redazione milanese di 'Rosso■«, in: Rivolta di classe 1, Oktober 1976, wiederveröffentlicht in Castellano, a.a.O., S. 135 f.

[65] Alquati: Università di ceto medio, a.a.O., S. 90 f.

[66] R. Battaggia: »Massenarbeiter und gesellschaftlicher Arbeiter - einige Bemerkungen über die 'neue Klassenzusammensetzung■«, Wildcat-Zirkular 36/37, April 1997, S. 122; italienisch: »Operaio massa e operaio sociale: alcune considerazioni sulla 'nuova composizione di classe■«, Primo Maggio 14, Winter 1980/81, S. 75 f.

[67] V. Dini: A proposito di Toni Negri: note sull''operaio sociale■, in: Ombre Rosse 24, März 1978, S. 7, 5; vgl. A. Negri, Dall'operaio massa..., a.a.O., S. 149.

[68] L. Berti, Tra crisi e compromesso storico, in: Primo Maggio Nr. 7, S. 8.

[69] Vgl. A. Negri, Sabotage, München: Trikont 1979; italienisch: Il dominio e il sabotaggio, Mailand: Feltrinelli 1978.

[70] »Il partito della merce organizzata per una nuova etica del lavoro« und »Inchiesta sul P.C.I.«, in: Rosso III/10-11; »Lettera aperta...«, a.a.O., S. 137.

[71] A. Negri, Working Class, Sabotage and Capitalist Domination, in: Red Notes (Hg.) Working Class Autonomy and the Crisis: Italian Marxist Texts of the Theory an Practice of a Class Movement 1964-1979, London: CSE Books 1979, S. 137, 118. [deutsch: A. Negri, Sabotage, München: Trikont 1979; italienisch: T. Negri, Il dominio e il sabotaggio, Mailand: Feltrinelli 1978]. Die Verkaufszahlen der Broschüre stammen aus C. Mariolti: »Caso Negri, Scalzone, Piperno«, L'Espresso, 22.4.79, S. 11.

[72] Negri: Sabotage, a.a.O. Die Darstellung von Negris Auffassung des Klassenkampfs als Schlacht zwischen »zwei Titanen« stammt von A. Lipietz, Crise et inflation: Pourquoi?, in: Communisme 2, o.J., zitiert nach G. Boismenus Rezension der französischen Ausgabe von Negri (La classe ouvriere contre l'Etat, Paris: Galilee 1978) in Canadian Journal of Political Science 13/1, März 1980, S. 192.

[73] Um eine Passage von vielen aus Working Class, Sabotage and Capitalist Domination zu nehmen: »Wir können uns nichts vollständiger Bestimmtes und Inhaltsgeladeneres vorstellen als die Gewalt der Arbeiterklasse.« (a.a.O., S. 134)

[74] A. Negri, Cari compagni di Autonomia, in: Autonomia 26, November 1981, S. 8.

[75] A. Negri, Elogia dell'assenza di memoria, in: Metropoli 5, 1981.

[76] Negri, Cari compagni... , a.a.O.

[77] S. Bologna, Per una 'società' degli storici militanti, in: S. Bologna et al.: Dieci interventi sulla storia sociale, Turin: Rosenberg & Sellier 1981.

[78] zitiert in A. Portelli, Oral Testimony, the Law and the Making of History: the 'April 7' Murder Trial, in: History Workshop Journal 20, Herbst 1985, S. 12.

[79] M. Tronti, Operai e capitale, Turin: Einaudi, 1971 (2. Auflage), S. 16. Deutsch: Arbeiter und Kapital, Frankfurt: Neue Kritik 1974. Vgl. auch Thekla 9, Berlin: Sisina 1988.


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