Der KI-Boom geht zuende, in der aktuellen Konjunkturflaute werden Leute entlassen – der definitive Marketing-Trick: »Wir entlassen, weil KI so produktiv ist!« »Diese Panikmache ist ein wahnsinnig guter Hebel, um Leute dazu zu bringen, in KI zu investieren.« (Freitag 3.7.2026 »No way« – KI-Forscherin Johanna Bath widerspricht der Panik vor der großen Jobkrise) Ähnlich Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft im Interview mit der FR: Er sei »skeptisch«, ob bei den großangekündigten Massenentlassungen von amerikanischen Tech-Konzernen wie Meta und Oracle, KI überhaupt eine Rolle spiele. Die Konzerne hätten massenhaft eingestellt, weil sie dachten, der Digitalisierungsboom gehe ewig so weiter. »Das hat sich so in der Realität nicht erfüllt und die Unternehmen reagieren entsprechend«, sagt Stettes. Die strukturelle Krise in der Industrie und im Dienstleistungssektor führe in der BRD zu einer »massiven Einstellungszurückhaltung«. Das liege an allem möglichen, aber eben nicht an KI. Der Grund für Kündigungswellen seien rückläufige Umsätze, Zölle und eine schwächelnde Verbrauchernachfrage.
Und die Nachfrage nach KI schwächelt tatsächlich: »Das wird bei uns in der Firma gerade zum Thema. Einer der Senior Entwickler hat ein Stück Software in kürzester Zeit neu geschrieben, ohne eine Zeile Code selbst zu schreiben, das hat alles Claude (Anthropic) gemacht. Für die Interaktionen mit Claude hat er aber eine gigantische Menge an teuren Tokens verbraucht – die Neuentwicklung dieser Software war für unsere Firma also unterm Strich sehr teuer. Und die Preise sollen noch weiter kräftig steigen. Das wird sich also wohl nicht wiederholen.«, sagt einer, der in der Branche arbeitet. (Wir haben im Heft drei Interviews mit Leuten abgedruckt über Auswirkungen von KI auf ihre Arbeit als Programmierer.)
Sogar die Anbieter von KI deckeln im eigenen Unternehmen die Ausgaben für KI. Seit dem 6. Juli dürfen Software-Entwickler bei Tesla noch maximal 200 Dollar pro Woche ausgeben; zuvor verbrauchten sie wöchentlich oft Tokens im Wert von mehreren tausend Dollar. Der Schritt folgt auf einen internen Vorstoß, KI stärker zu nutzen. … Elon Musk drängte die Belegschaft, Cursors Coding-Modell Composer sowie Grok zu testen. (SpaceX plant die Übernahme von Cursor.) Doch Grok kommt bei den Mitarbeitern schlecht an, viele nutzen lieber Anthropics Claude.
Die Blase kann nur aufrechterhalten werden, wenn sie weiter ein großes Rad drehen; Investitionen, Fusionen…. Als größtes Risiko gilt eine Verlangsamung der Investitionen, etwa Verzögerungen beim Bau von Rechenzentren in den USA. Die Frage ist aber zunehmend. wo das Geld dafür herkommen soll?
Der Börsengang von SpaceX war tatsächlich »spektakulär«: der größte Börsengang in der Geschichte, 1,7 Billionen für ein Unternehmen, das tief in den roten Zahlen steckt und dessen Bewertung zu 90 Prozent auf Prognosen für sein derzeit drittklassiges KI-Angebot basiert. (siehe »Grok kommt schlecht an«). Wir hatten im Heft ausgeführt, dass dieser und weitere geplante Börsengänge Ausdruck des dringenden Kapitalbedarfs sind. Und dass deswegen der Börsengang mit allen Mitteln gepusht wurde.
Auch danach wurde weiterhin kräftig die Werbetrommel gerührt: »am 7. Juli kommt die Aktie in den Nasdaq100, dann geht die Post ab!« usw. Stattdessen stürzte am 7. Juli die Aktie von Samsung um zehn Prozent ab, obwohl das operative Ergebnis im Vergleich zum Vorjahr um das 19-Fache gestiegen war und Samsung das dritte Rekordquartal in Folge präsentierte! Die Samsung-Aktie riss weitere Tech-Aktien mit; Intel-Aktien brachen zeitweise mehr als elf Prozent ein. Auch in Japan und in Europa gaben die Kurse nach. »Investoren bleiben besorgt über die Nachhaltigkeit des KI-Booms«. Die Tagesschau fragte: »Ist der KI-Hype bald vorbei?« »Der Markt« habe hohe Profite bereits seit vielen Monaten »eingepreist«. Die Erwartungen seien derart hoch, dass sie selbst von Rekordgewinnen kaum übertroffen werden können. »Nicht wenige Ökonomen sprechen vom ersten ernsthaften KI-Stresstest …, nicht zuletzt, weil unklar ist, wie die Unternehmen des Sektors angesichts der riesigen Investitionssummen entsprechende Renditen einfahren können.« Die Stimmung wurde zusätzlich getrübt, weil in diesen Tagen bekannt wurde, dass das chinesische Startup DeepSeek einen eigenen KI-Chip entwickelt. Deshalb sanken die Aktien der »Schaufelhersteller« massiv: Samsung, Nvidia, Micron, Western Digital, Sandisk...
Heute (10. Juli) geht einer von ihnen, der südkoreanische Chip-Hersteller SK Hynix, an die US-Börse; es wird mit 26,5 Milliarden Dollar der zweitgrößte Börsengang aller Zeiten. Das Handelsblatt titelte: »SK Hynix: Vom Pleitekandidaten zum Gradmesser für die globale Chipindustrie – Mega-Börsengang in New York wird zum Test für alle KI-Aktien.«
Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: die Aktien von SpaceX verloren trotz der Aufnahme in den Nasdaq-100-Index zeitweise mehr als sechs Prozent.
So oder so: der Arbeitsplatzabbau wird weiter gehen.
KI-Block und Interviews zu KI im Job in Wildcat 116:
P.S. Heute vor 50 Jahren explodierte in Seveso (20 km nördlich von Mailand) im Chemiewerk Icmesa ein Reaktionskessel. Hochgiftiges Dioxin wurde in einem dicht bewohnten Gebiet freigesetzt. Roche hatte die Produktion ständig gesteigert und über Jahre hinweg nichts investiert. Die Arbeitsbedingungen waren schlecht, die Anlage veraltet und unzureichend gewartet. Die Fabrik lief weiter, die Behörden sagten den Leuten nicht, was passiert war. Erst als die Arbeiter eine Woche später einen wilden Streik begannen, wurde das ganze Ausmaß bekannt. Der ganze Ablauf ist gut in Wikipedia, Stichwort: Sevesounglück dokumentiert.