Wildcat Nr. 73, Frühjahr 2005, S. 28-32 [w73_venezuela.htm]
Bürgerbeteiligung + Sozialstaat + Antiimperialismus = Revolution?
In der Wildcat 72 haben wir einen Leserbrief veröffentlicht, der zur Unterstützung der »bürgerlichen Revolution« in Venezuela aufruft. Als zentrales Argument werden die »Spielräume« angeführt, die der venezolanische Staat - gewollt oder ungewollt – für radikalere Initiativen eröffne. Ähnliche Überlegungen machen Raúl Zelik, der kontinuierlich über Venezuela berichtet, sowie das Buch des Kollektiv piso 16 (s. auch die Buchbesprechung in Wildcat 71 und 72) . Neben dieser eher vorsichtigen Haltung finden wir Solidaritätskampagnen z.B. in der jungen welt, die fast jede Maßnahme der venezolanischen Regierung als fortschrittlich begrüßen und Delegationsreisen dorthin organisieren. Im folgenden soll gezeigt werden, warum die venezolanische Regierung seit 1998 einen relativ großen Rückhalt in der Bevölkerung hat und wie dieser Rückhalt in Europa und der BRD in einen »revolutionären Prozess« uminterpretiert wird.
Von den 25 Millionen EinwohnerInnen Venezuelas leben 90 Prozent in den Städten. Ein Drittel ist unter 15 Jahre alt. Nur eine Million, das sind ca. zehn Prozent der »ökonomisch aktiven Bevölkerung« arbeiten in der Landwirtschaft. Lebensmittel müssen überwiegend importiert werden, denn nach dem Ölboom wurde deren Produktion im Land weitgehend eingestellt. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 20 Prozent, aber die meisten Menschen arbeiten »informell«, d.h. sie leben vom Kleinhandel mit Waren und Dienstleistungen aller Art. Vielleicht drei Mio Menschen sind »regulär« beschäftigt, die meisten von ihnen zum Mindestlohn von 320.000 Bolívares (2000 Bolívares sind 1 Dollar). Benzin ist billiger als Trinkwasser. 50 Prozent der Staatseinnahmen, 80 Prozent des Exports und 25 Prozent des gesamten Sozialprodukts Venezuelas hängen an den riesigen Öl- und Gasvorkommen des Landes. Dieser Reichtum wird von maximal 250.000 Personen, also einen Prozent der Gesamtbevölkerung geschaffen.
Vorgeschichte
Bis 1958 herrschen in Venezuela vor allem Militärdiktaturen. Danach sichert sich 40 Jahre lang eine Allianz aus Christdemokraten und Sozialdemokraten gegenseitig die Macht. Die hohen Erträge aus den Ölexporten bleiben in den Händen einer kleinen Elite, nur wenig davon landet im Rahmen einer Wohlfahrtspolitik bei der armen Bevölkerungsmehrheit. Aber selbst damit ist Schluss, als der Ölpreis in den 80er Jahren sinkt: Die Regierung streicht die Nahrungsmittelsubventionen und erhöht die Preise für den öffentlichen Verkehr. Im Februar 1989 kommt es in vielen Städten zu einem Aufstand vor allem der vielen hunderttausend Straßenhändler: Supermärkte werden geplündert, Verkehrswege lahmgelegt, die Bullen angegriffen. Der Aufstand wird militärisch niedergeschlagen, Tausende sterben auf den Straßen. Trotzdem verstärken sich danach Dutzende von unabhängigen Basisorganisationen, Komitees und Stadtteilversammlungen. Hass und Misstrauen zwischen armer Mehrheit und reicher Elite verankern sich tief im Bewusstsein und werden zu einer ständigen Gefahr für den Staat.
In den 90er Jahren entsteht langsam eine neue politische Konstellation, in der die alten Parteien an Bedeutung verlieren und die »bolivarianische Bewegung« [1] entsteht. Nach mehreren gescheiterten Putschversuchen aus dem Militär gegen die Regierung der alten Eliten im Jahr 1992 bildet sich ab Mitte der 90er Jahre die Partei Bewegung Fünfte Republik (Movimiento Quinta República, MVR). Sie gewinnt 1998 die Präsidentschaftswahlen. Der neue Präsident heißt Chávez, einer der Militärs, die 1992 schon an die Macht wollten.
Enge Spielräume
Die neue Regierung hat in der Bevölkerung einen relativ großen Rückhalt. Sie hat seit 1998 sämtliche Wahlen und Abstimmungen gewonnen, beim Referendum im August 2004 lag die Stimmenthaltung allerdings bei 30, bei den Kommunalwahlen im letzten November bei 54%. Das erste Mal seit Jahrzehnten hat die arme Bevölkerungsmehrheit das Gefühl, etwas zu sagen zu haben, ihrem Klassenhass gegen die alten Eliten einen Ausdruck geben zu können. Vor der Verabschiedung einer neuen Verfassung per Volksabstimmung im Jahr 1999 gibt es landesweite Beratungen über deren Inhalte. In ihr werden z.B. die Rechte von Minderheiten verankert, Hausarbeit als mehrwertschaffende Aktivität anerkannt und vor allem mit der »partizipativen Demokratie« die Möglichkeiten zur Bürgerbeteiligung auf allen Ebenen des Staates verstärkt. Die Indianer haben jetzt drei Vertreter im Parlament, wohnen aber in den großen Städten immer noch in Elendsquartieren. Die Frauen, deren Hausarbeit verfassungsmäßig aufgewertet worden ist, haben immer noch alle Hände voll zu tun, das Essen für ihre Familien ranzuschaffen, und trotz aller »Partizipation« wurden die MVR-Kandidaten zu den Kommunalwahlen einfach von ganz oben eingesetzt. Im November 2004 wurde – wiederum ganz oben – beschlossen, dass sich alle Kandidaten Vorwahlen stellen müssen. Darin zeigt sich das grundsätzliche Dilemma der »Beteiligung«: Es steht von vornherein fest, dass sie in den Bahnen der Institutionen von Staat und Regierungsparteien verläuft, und selbst diejenigen, die die »Revolution in der Revolution« vorantreiben wollen, sich als radikale Basis verstehen, bewegen sich innerhalb des vorgegebenen Rahmen. Das breite Basisgruppenbündnis conexión social trifft sich z.B. zu seinen Versammlungen in Regierungsgebäuden und diskutiert, wie es dabei helfen kann, den nichtkorrupten, basisverbundenen Teilen in Regierung und Verwaltung zum Durchbruch zu verhelfen.
Der Verlauf der meisten Konflikte und Kämpfe ist vorgezeichnet: Eine Gewerkschaft kritisiert, dass das Arbeitsministerium des zuständigen Bundesstaats nicht gegen die »illegale« Entlassung von Arbeitern aus einer bestimmten Firma vorgeht, die Belegschaft eines Krankenhauses fordert vom Gouverneur die Absetzung des korrupten Verwaltungschefs, die Bevölkerung eines Stadtteils beschwert sich beim Bürgermeister, dass die Müllabfuhr nicht funktioniert. [2]
In einem Land, in dem die meisten Leute traditionell überhaupt kein Gehör fanden, kann diese Art von Beteiligung durchaus als Fortschritt erlebt werden. Aber die Regierung setzt enge Grenzen. Wer sich nicht an die vorgegebenen Spielregeln hält, kommt schnell mit der Staatsmacht in Konflikt. Zehntausende StraßenhändlerInnen liegen seit Monaten vor allem in Caracas im (physischen) Clinch mit der Stadtverwaltung über Größe und Standorte ihrer Stände. Wer ohne den Segen von oben Land besetzt, wird abgeräumt; wer sich zu laut über Polizeigewalt beschwert, hat in der Regel nichts zu lachen. Es gibt keine politischen Gefangenen, aber jede Woche erschießen die Bullen im »Kampf gegen die Kriminalität« Dutzende v.a. Jugendliche in den Straßen. Ein Antiterrorismusgesetz, entstanden nach dem 11. September 2001, hält sämtliche (rechtlichen) Möglichkeiten bereit, um unliebsame Kritiker mundtot zu machen. Das erklärt vermutlich auch, warum kleine oppositionelle Gruppen der Linken intern sehr viel deutlicher Kritik äußern als öffentlich.
Antiimperialismus und Paternalismus
Neben diesen politischen Beteiligungsmöglichkeiten punktet die Regierung mit flammenden antiimperialistischen Reden gegen die Kriegspolitik der US-Regierung, gegen die gesamtamerikanische Freihandelszone ALCA, für die lateinamerikanische Integration und das Selbstbestimmungsrecht der Völker. So mobilisierte sie (in Zeitungsanzeigen hieß es, »das Volk« verlange diese Demonstration und die Regierung entspreche diesem Wunsch) für den Jahrestag des Sturzes der letzten Militärdiktatur im Jahr 1958 am 23. Januar Hunderttausende nach Caracas, zur »Verteidigung der nationalen Souveränität« gegen die USA und deren Statthalterregierung in Kolumbien. [3] Chávez wettete in seiner Rede publikumswirksam einen Dollar darauf, dass er länger in seinem Präsidentenpalast bleibt als Bush und holte sich durch den Beifall auf dem Platz Rückendeckung für seine Außenpolitik. Nebenbei bot er unter begeistertem Applaus der DemonstrantInnen der neuen (unverheirateten) US-Außenministerin einen Mann an. Er selber stehe leider nicht zur Verfügung, aber es gäbe in der Regierung durchaus Kandidaten, und wenn man auf diese Weise »das Problem« lösen könne, würde einer das Opfer bringen. Im Klartext: Eine Frau, die Probleme macht, muss einfach nur mal ordentlich rangenommen werden. Diese Botschaft gibt die den Frauen zugeschriebene Rolle in Venezuela realistischer wieder als die entsprechenden Kapitel in der bolivarianischen Verfassung.
Materielle Lage und Sozialpolitik
Die Kaufkraft der Einkommen hat sich nicht erhöht. Der Mindestlohn wird zwar halbjährlich erhöht, reicht aber nicht aus, um die grundlegenden Bedürfnisse (Lebensmittel, Transport, Kleidung, Medikamente) einer durchschnittlichen Familie zu erfüllen, alle in der Familie müssen arbeiten, um sich zumindest den minimalen Warenkorb leisten zu können. Die Inflationsrate liegt bei 20 Prozent., Fleisch und Käse kosteten im normalen Supermarkt im Januar 2005 zwischen 6000 und 8000 das Kilo, der Liter Milch 1500. Ein festangestellter Bandarbeiter bei Ford in Valencia oder bei Toyota in Cumaná verdient bei einer 44-Stundenwoche im Zweischichtbetrieb ca 400.000 Bs, nach dreijähriger Betriebszugehörigkeit hat er den Höchstlohn erreicht, der mit allen Zulagen bei 800.000 Bs pro Monat liegt. Sein Transport zum Arbeitsplatz ist gratis, ebenso eine warme Mahlzeit pro Tag. Lehrer verdienen je nach Schulart zwischen 600.000 und 900.000 Bs, und die crème de la crème der Arbeiterklasse hat im Ölsektor einen Einstiegslohn von knapp 1 Mio Bs. Regulär Beschäftige erhalten durch Prämien u.ä. meistens 14, manchmal sogar 16 Monatslöhne. Wichtiges Qualitätsmerkmal eines Arbeitsplatzes ist das cesta-ticket, das jedem Lohnempfänger eine Mahlzeit pro Tag gewährleisten soll. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, wird aber nicht immer gewährt. Sein Wert beträgt mindestens 7000 Bs pro Arbeitstag, für viele eine Art zweiter Lohn.
Die Regierung hat flächendeckend staatliche Lebensmittelläden eingerichtet (offizielle Quellen sprechen von 13.000 Stellen, in denen 10 Mio Menschen einkaufen), in denen die Grundnahrungsmittel ca. 25% billiger als in den normalen Supermärkten sind. Zwar ist nicht immer alles vorrätig, und es gibt keine frischen Produkte, aber diese Preiskontrolle von Grundnahrungsmitteln auf niedrigem Niveau gehört zum materiellen Kernstück der neuen Politik. Jenseits von partizipativer Demokratie und antiimperialistischer Rhetorik sind es Sozialprogramme, vor allem in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Ernährung, die die »bolivarianischen Massen« an die Regierung binden. Viele BewohnerInnen armer Viertel in den großen Städten haben zum ersten Mal gratis Zugang zu einer medizinischen Grundversorgung, inklusive Medikamente, soweit vorhanden. Sie wird über Tausende kubanischer ÄrztInnen sichergestellt, die der kubanische Staat gegen billiges Öl zur Verfügung stellt.
Viele tausend Menschen haben in einer Alphabetisierungskampagne Lesen und Schreiben gelernt, andere machen das Abitur nach, wieder andere lernen in Ausbildungskursen den Anbau von Gemüse in der Stadt oder die Bildung einer Nähkooperative. Bei diesen misiones genannten Ausbildungsprogrammen bekommen die TeilnehmerInnen ungefähr einen halben Mindestlohn als Unterstützung – viele machen die Kurse nur deshalb mit. Solidaritätsbewegte entdecken in der Tatsache, dass die Missionen unabhängig von der alten Bürokratie der entsprechenden Ministerien organisiert werden, einen wichtigen Schritt zur Selbstverwaltung – und übersehen, dass sich eine neue alternative Bürokratie von OrganisatorInnen und VerwalterInnen herausgebildet hat, die z.B. entscheidet, wer an den Kursen teilnimmt und wann das Geld ausgezahlt wird.
Politische Ökonomie
Innerhalb eines Jahres wurde neben dem alten mafiösen Gewerkschaftsdachverband CTV eine neue Struktur, die UNT, aufgebaut. Diese ist laut Satzung der bolivarianischen Verfassung verpflichtet und eng mit dem Arbeitsministerium verbunden, das z.B. dafür zuständig ist, welche Gewerkschaft als legitime Vertreterin in einem Betrieb anerkannt wird. Innerhalb eines Jahres wechselten 100.000e vom alten zum neuen Dachverband, schon allein deshalb kann man nicht von einem Prozess »von unten« reden. Die Vorstellung, der neue Gewerkschaftsverband und die ihm angeschlossenen Branchen- und Betriebsgewerkschaften betrieben eine radikalere, klassenkämpferische Politik, entpuppt sich in Gesprächen mit deren Vertretern und auf Versammlungen schnell als Illusion: Zwar wurden im Jahr 2004 in einigen Betrieben zum ersten Mal überhaupt Tarifverträge diskutiert und manchmal sogar von der Belegschaft abgestimmt, viele der neuen Gewerkschaften sind aber weiterhin eng mit den Betriebsleitungen liiert und orientieren sich an deren Vorgaben. Die Regierung spricht insofern zurecht vom »sozialen Frieden«, den die neue Gewerkschaft bewahren hilft. Der Staat trägt zur Flexibilisierung des Arbeitsmarkts bei: Das Rentenalter für den regulär beschäftigten Teil der Klasse wurde um fünf Jahre gesenkt, dadurch gehen Zehntausende früher in Rente, meistens auf dem finanziellen Niveau des Mindestlohns. Die Unternehmen stellen jüngere ArbeiterInnen ein, zu wesentlich ungünstigeren Bedingungen und oft über Zeitarbeitsunternehmen. Gleichzeitig treibt der Staat die Bildung von Kooperativen voran: Das sind in den meisten Fällen kollektive Ich-Ags, deren Mitglieder für eine festgelegte Leistung pauschal bezahlt werden. Wie die Arbeit gemacht und wie das Geld verteilt wird, müssen sie untereinander aushandeln. Ideologisch wird dieser Prozess mit Vokabeln wie »Selbstorganisation« und »Eigenverantwortung« belegt. In Wirklichkeit ersetzen diese Kooperativen aber häufig Arbeitsplätze (mit zumindest minimaler sozialer Absicherung) durch freiberufliche Arbeitsverhältnisse, so z.B. bei der Müllabfuhr in einigen Teilen von Caracas.
Der staatliche Energiekonzern PDVSA reicht inzwischen etwas mehr von der Ölrente nach unten durch. Das ist die Basis der großzügigen Sozialpolitik. Die Besteuerung der Gewinne ausländischer Energiekonzerne wurde auf dem Papier erhöht, gleichzeitig schuf das zuständige Ministerium eine Menge Löcher, um diese höheren Steuern zu umgehen. Petróleo y Soberania behaupten z.B., dass der Anteil, den PDVSA an den Staat abführt, seit 1998 nur unwesentlich gestiegen sei. Zudem kaufe PDVSA bei US-Konzernen Öl auf, das diese in Venezuela (!) gefördert haben, und zwar zu einem höheren Preis, als zu dem es später exportiert werde. Zur Zeit erhalten US-Konzerne Konzessionen zur Ausbeutung von 20 kleineren Ölbohrstellen mit einer Produktion von weniger als 50 Fass pro Tag, die angeblich nicht mehr rentabel sind. Die durchschnittliche tägliche Fördermenge eines Ölbohrlochs in den USA beträgt 11 Fass. Aufgrund der hohen Lohnunterschiede zwischen den amerikanischen und den venezolanischen Ölarbeitern und der knapper werdenden Ressourcen ist das ein lohnendes Geschäft. Parallel zur antiimperialistischen Rhetorik bleibt Venezuela ein zuverlässiger Partner im Funktionieren der kapitalistischen Weltökonomie. Die USA beziehen weiterhin 20% ihrer Ölimporte aus Venezuela, und gerade seit Beginn des Irakkrieges hat die Chávez-Regierung jeden Tag zu ihren Verpflichtungen gestanden, wie sie selber stolz berichtet. Chevron-Texaco baut die neue Gasleitung zwischen Maracaibo und Guajira in Kolumbien (180 km).
An der westlichen Seite des bereits weitgehend zerstörten Maracaibo-Sees gerät gerade der Frischwasservorrat für die Millionenstadt Maracaibo in Gefahr: Dort werden in einem militärischen Sperrgebiet riesige Kohlevorkommen zum Export nach Kuba erschlossen und nebenbei 350 Familien vertrieben, die in dem Gebiet wohnten.1 Auch hier gilt: Erst kommt das Geschäft, daneben steht die menschenfreundliche Rhetorik.
Das Gesetz zur Agrarreform hat das Ziel, fruchtbares Land an Familien zu verteilen, die es bebauen wollen. Diese Kampagne läuft seit Januar 2005 unter dem Titel Krieg gegen das Latifundium. Zum Auftakt wurde unter demonstrativer Teilnahme von mehreren hundert Militärs die Riesenfinca einer britischen Firma besetzt, und mehrere Dutzend Familien abgeräumt, die dort bereits seit Jahren kleinere Teile besetzt hatten. Jenseits von diesem Rummel hieß es später nüchtern, die Regierung prüfe jetzt in Ruhe die Besitzverhältnisse und die tatsächliche Nutzung der Ländereien, wenn alles seine Richtigkeit habe, werde der Besitz selbstverständlich zurückgegeben. Trotzdem hat diese Propagandaaktion Hoffnungen geweckt, in den folgenden Wochen gab es viele kleinere Landbesetzungen, auch in städtischen Gebieten. Die Agrarreform soll der am Boden liegenden venezolanischen Lebensmittelproduktion aufhelfen. Allerdings wird es dafür nicht ausreichen, einfach nur Boden zu verteilen. Darüber hinaus ist unklar, ob und zu welchen Bedingungen überhaupt Menschen in genügender Zahl bereit sind, von den Städten zurück aufs Land zu gehen.
Sackgassen und Auswege
Der Teil der venezolanischen Linken, die keine Regierungsfunktionen übernommen und sich auch nicht der rechten Opposition angeschlossen hat (auch das gibt es!), ist verbittert. Sie hasst die Regierung, weil dort viele ihrer alten Genossen angelangt sind, sie sind mit vielen Joschka Fischers konfrontiert. Einige fordern den »wirklichen« Antiimperialismus ein (z.B. Beschneidung der Gewinne ausländischer Ölkonzerne). Andere machen geduldige Basisarbeit und kämpfen gegen die lateinamerikanische Spielart des »Anführertums« an, die in Venezuela trotz aller Beteuerungen der »Volksmacht« neue Höhen verzeichnet. Einige erwarten für die nähere Zukunft größere soziale Auseinandersetzungen, wenn sich herausstellt, dass die Ausbildungs- und Studienprogramme für die Menschen eben nicht in stabile soziale Verhältnisse münden, da alles auf dem derzeit hohen Ölpreis beruht, aber keine sonstigen produktiven Investitionen getätigt werden. Insofern treibt die Regierung ein gefährliches Spiel, wenn sie Erwartungen wie mit der Agrarreform weckt, die sie später nicht einlösen kann.
Die Zuspitzung der politischen Auseinandersetzung – für oder gegen Chávez – führt zu dem Vorwurf auch an Kritiken von links, sie spielten objektiv der US-inspirierten Konterrevolution in die Hände. Dieser Kritik wird häufig mit dem Verweis auf zu viele korrupte Kader in Regierung und Verwaltung begegnet. Es müssten nur die »richtigen« Kader her, dann werde der echte basisdemokratische Weg eingeschlagen...
Der Hype um Venezuela in Europa und der BRD speist sich aus drei Quellen: Alles, was heute gegen den weltweiten militärischen Durchmarsch der USA steht, ist zu begrüßen. Andersherum ausgedrückt: gerade weil die venezolanische Politik auf Gegenwehr in den USA stößt, muss sie unterstützt werden. Nachdem die Zapatisten ihre Strahlkraft verloren haben, sehen ihre europäischen UnterstützerInnen in Venezuela eine Fortsetzung zapatistischer Politik. Diesmal geht es aber um die Eroberung der Staatsmacht und der Kommandohöhen der Wirtschaft, also um eine Rückbesinnung auf den Leninismus. Außerdem erscheint in Zeiten, wo weltweit jede Sozialpolitik zum unproduktiven Luxus erklärt wird, ein Staat, der eine solche Politik offensiv betreibt, als »objektiv fortschrittlich«. Dass das zur Revolution hochstilisiert wird, hat sicherlich etwas mit den Revolutionsvorstellungen der entsprechenden Menschen zu tun.
Fußnoten
[1] Bolivarianisch steht für Antiimperialismus, lateinamerikanische Einheit und Sozialpolitik.
[2] Papier ist geduldig Im Januar 2005 wurde die venezolanische Papierfabrik Venepal durch ein Präsidialdekret enteignet. Ein Meilenstein des „revolutionären Prozesses“ in Venezuela?
Nachdem das Unternehmen die ursprünglich 2500 Arbeiter bis auf 600 entlassen und einen Teil seiner Produktion zugunsten einer Tochterfirma in den USA stillgelegt hatte, meldet es im Herbst 2004 Konkurs an. 350 Arbeiter verhindern gemeinsam mit dem Militär den Abtransport von Maschinen und Restproduktion. Viele von ihnen leben in Häusern direkt auf dem riesigen Werksgelände, die Stromversorgung halten sie über das betriebseigene Kraftwerk aufrecht. Die Arbeiter fordern die Enteignung sowie einen staatlichen Kredit für die Wiederaufnahme der Produktion und die Bezahlung der seit Monaten ausstehenden (niedrigen) Löhne. Jetzt wurde ein neues Unternehmen gegründet, der Staat hält 51 Prozent, die Arbeiter über eine Kooperative 49 Prozent der Anteile.
In den Monaten vor der Enteignung hatte es viele Versammlungen und Aktionen zur Unterstützung der Venepal-Arbeiter gegeben, Delegationen aus anderen Betrieben reisten an und spendeten Geld. Über allen diesen Aktivitäten schwebte hauptsächlich die Hoffnung auf das Eingreifen des großen Bruders aus Caracas. Das Selbstbewusstsein, endlich etwas zu sagen zu haben, beschränkt sich auf Appelle an den Staat. Die neue Gewerkschaft verspricht für die Zukunft gute Arbeit und neue Produktivitätsrekorde – für die Bedürfnisse des venezolanischen Staats, der einen Großteil der Produkte für seine Sozialprogramme im Erziehungsbereich kaufen wird. Lohnunterschiede, Schichtarbeit und Hierarchien werden von den Arbeitern nicht in Frage gestellt. Ohne Vorarbeiter gibt es keine Disziplin bei der Arbeit, meinten einige von ihnen im Gespräch Mitte Januar 2005.
Unter solchen Bedingungen ist „Produktion unter Arbeiterkontrolle“, wie die Situation jetzt gerne von linken Organisationen genannt wird, leider nicht viel mehr als ein flotter Spruch.[3] Im Dezember 2004 hatten kolumbianische und venezolanische Bullen einen hohen Funktionär einer kolumbianischen Guerilla-Gruppe aus Caracas nach Kolumbien entführt.
[4] Elisabetta Andreoli, Gabriele Muzzo und Max Pugh, die 2003 den Film Venezuela – ein anderer Weg ist möglich gemacht haben, untersuchen in ihrem neuen Film (Die unerbittliche Realität des Öls, im Februar 2005 in Caracas uraufgeführt) diese Zusammenhänge der Energieproduktion.
aus: Wildcat 73, Januar 2005