Wildcat-Zirkular Nr. 64 - Juli 2002 - S. B24 [z64arcad.htm]


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»Meine Damen und Herren,
schlafen Sie nicht in diesem Hotel!«


 

Streik bei der Putzfirma Arcade

Die Putzfirma Arcade hat in Frankreich ungefähr 3 500 Beschäftigte und ist in den meisten Hotels der ACCOR-Gruppe tätig. Dieser Konzern unterhält unter verschiedenen Markennamen etwa 3 000 Hotels in aller Welt. Die Leute sind mit Teilzeitverträgen eingestellt (fünf Stunden täglich einschließlich Kleiderwechsel und Vorbereitung der Materialwagen) und müssen die Vorgabezeit von 3,2 - 4 Zimmern pro Stunde einhalten, je nach dem Standard des Hotels. Die gereinigten Zimmer werden nach diesem Schlüssel gezählt und nicht nach der realen Arbeitszeit. Wenn es nicht genug Arbeit gibt, gelten die nicht gearbeiteten Stunden als Fehlstunden.

Diese unerträgliche Situation lassen sich einige Beschäftigte nicht mehr gefallen. Seit dem 7. März sind 37 Leute bei Arcade im Streik. Sie arbeiten in Hotels im Pariser Raum und kennen sich untereinander. Die Beteiligung ist seit drei Monaten relativ stabil, die Zahl der Streikenden hat leicht abgenommen, weil einerseits die Geschäftsleitung Erpressungsversuche und Druck macht, andererseits die Streikenden aufgrund der niedrigen Löhne in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation sind.

Der harte Kern hat jedoch durchgehalten und es so möglich gemacht, daß ein nach und nach aufgebautes Solidaritätsnetz zu funktionieren begann. Das erste Problem war natürlich die ökonomische Solidarität mit den Streikenden: bis jetzt hat vor allem die Gewerkschaft SUD Streikgeld bezahlt, aber es gab auch Spendensammlungen während der Aktionen vor den Hotels, auf Soli-Feten und an anderen Arbeitsplätzen.

Der Kampf bei Arcade hat für viele Gruppen der radikalen Linken Symbolcharakter, weil das Personal extrem ausgebeutet wird, weil es vor allem Frauen aus der Dritten Welt - oft ohne Papiere - sind (die Firma stellt bevorzugt Leute ein, die nicht lesen und schreiben können).

Zuerst haben die Streikenden versucht, Hotels zu blockieren, davon mußten sie aber abgehen, weil der ACCOR-Konzern die Justiz eingeschaltet hat. Hier ist ein Unterstützungskomitee unverzichtbar, weil es Dinge tun kann, die für die Beschäftigten unmöglich sind. Nach einer ersten Phase, in der man direkt auf die Geldbörse des ACCOR-Konzerns und von Arcade zielte, orientierte man mehr auf Aktionen, die auf das Image der Marke ACCOR zielten und mittelfristig den Umsatz beeinträchtigen könnten; Aktionen, mit denen man Kundschaft im In- und Ausland ansprechen und deutlich machen will, daß ACCOR ein Sklavenhändlerkonzern ist.

ACCOR muß spüren, daß die bisherige Umgehensweise mit dem Konflikt - sie versuchen den Streik verschimmeln zu lassen und gehen jeder ernsthaften Verhandlung aus dem Weg - in eine Sackgasse führt und ihren Interessen ziemlich schaden kann!

Deshalb wünschen wir uns internationale Solidarität: in ganz Europa sollen Initiativen über die ACCOR-Gruppe informieren oder ihren Betrieb stören. Wir setzen auf Eure Solidarität.

www.accor.com verweist auf ein Hotel in Eurer Nähe - z.B. der Marken Etap, Ibis oder Mercure...

Paris, 3. Juni 2002,
G. Soriano (vom Soli-Komitee mit den Streikenden von Arcade)


Flugi:

Schluß mit der Sklaverei
Solidarität mit den Streikenden bei ARCADE

Arcade ist kaum bekannt. Es ist aber ein Subunternehmen von fast allen französischen Hotels der Gruppe ACCOR. Zu dieser Gruppe gehören die Hotels von Atria, Coralia, Etap, Formule 1, Frantour, Ibis, Libertel, Mercure, Motel 6, Novotel, Parthenon und Sofitel. Die Beschäftigten von Arcade putzen die Zimmer dieser Hotelkette. Es sind vor allem Frauen aus der »Dritten Welt«, die oft kaum lesen oder schreiben können, manche sind sie ohne Papiere im Land. Entsprechend schwach ist ihre Position gegenüber ihren Ausbeutern.

Offiziell kriegen die Frauen 7,16 Euro brutto pro Stunde, kaum mehr als den gesetzlichen Mindestlohn. In Wahrheit werden sie aber im Akkord bezahlt: pro Zimmer 17 Minuten - wenn sie länger brauchen, wird die zusätzliche Arbeitszeit nicht bezahlt; und das kommt häufig vor, da es ständige Kontrollen gibt! Wenn es keine Arbeit gibt, wird so getan, als seien die Frauen nicht zur Arbeit gekommen. Die Verträge lauten auf Teilzeit, aber in Wirklichkeit arbeiten sie mehr als 35 Stunden.

Arcade hat geglaubt, so mit seinem Personal umspringen zu können. Ohne ordnungsgemäße Papiere, ohne genaue Kenntnisse der Gesetze, mit geringen Französischkenntnissen würden sich die Leute nicht wehren können. Die Leute wie Zitronen auspressen - und rausschmeißen, wenn sie völlig erschöpft sind und ihre Wirbelsäule nicht mehr mitmacht. Das alles ganz offensichtlich im Einvernehmen mit dem Auftraggeber ACCOR, der seinen Subunternehmern immer drastischere Bedingungen aufdrückt.

Aber seit dem 7. März 2002 streiken einige der Arcade-Arbeiterinnen und haben mehrere Aktionen gegen die Geschäftsführungen von Arcade und ACCOR gemacht, um normale Arbeitsbedingungen und anständige Löhne durchzusetzen.

Sie fordern:

Bis jetzt werden die Streikenden aus ihrer Branche nur von der Gewerkschaft SUD unterstützt, aber die Solidarität weitet sich aus.

Unterstützen Sie die Frauen in ihrem Kampf gegen die modernen Sklavenhändler. Schlafen Sie nicht in einem Hotel der Gruppe ACCOR. Machen Sie bekannt, was heute im Herzen des reichen Europa passiert.

Protestieren Sie an der Rezeption und gegenüber der Geschäftsleitung ihres Hotels. Protestieren sie dort auch schriftlich gegen diese Art von Ausbeutung und sprechen sie den Streikenden ihre Solidarität aus.

Solidaritätskomitee mit den Streikenden von Arcade

Neuigkeiten über den Streik auf der website:
www.ras.eu.org/arcades

Telefon: 01.42.43.35.75 - mail: sud-rail@wanadoo.fr


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