Wildcat Nr. 43 - Januar 1988 - S. 39-47 [w43sncf2.htm]


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Streik, Bewährung und kranke Tante

Die sozialen Bewegungen in Frankreich

(aus: Les cahiers du doute, No. 1, Mai 1987, siehe die redaktionelle Vorbemerkung)

Am 18. Dezember 1986, zur selben Stunde, als das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Frankreichs »die Lehren aus der Studentenbewegung zieht«, tritt das fahrende Personal der Eisenbahnverwaltung Paris-Nord in einen unbefristeten Streik. Im Lauf von nur zwei Tagen dehnt sich die Bewegung auf die Mehrzahl der Eisenbahnverwaltungen aus; in weiteren vier Tagen greift der Streik auf andere Berufsgruppen der Eisenbahner über, und bald ist das gesamte Bahnsystem gelähmt, ohne daß auch nur ein einziger gewerkschaftlicher Streikaufruf herausgelassen worden wäre.

Während die Kommunisten, ohne eine Miene zu verziehen, die Schwäche ihrer Verankerung in der Studentenbewegung anerkennen konnten, so verstört sie der wilde Streik bei der SNCF doch etwas stärker. Denn hier geht es direkt um das Problem, daß die Partei und sämtliche andere traditionellen »Arbeiterorganisationen« geschwächt sind. So wird dieser Kampf, der oberflächlich betrachtet rein korporative Züge trägt, fast einen Monat lang für die Gesellschaft als Nebelspalter wirken. Er wird die Krise der Gewerkschaften offenbaren und den Schleier von den Veränderungen ziehen, die sich in der Mentalität der Arbeiter vollzogen haben. Die Gewerkschaften hatten ihre Unfähigkeit erwiesen, gegen die sich ständig verschärfende Ausbeutung Widerstand zu leisten. Nun beweisen die Eisenbahner, daß der Kampf möglich ist. Freilich unter der Bedingung, daß man sich von der Basis her unabhängig und einheitlich organisiert.

Gewerkschaft krank – Der Fall Frankreich

Alle Welt redet heute von der »Krise der Gewerkschaft«. Klarsichtigen Politikern raubt sie den Schlaf, bei den Gewerkschaftsspitzen stiftet sie Verwirrung, die vom Staat bezahlten Forscher widmen ihr Studien. Wenn man mit uns davon ausgeht, daß die Funktion von Gewerkschaften in der modernen Gesellschaft darin besteht, die kapitalistische Produktion zu regulieren, so hat man für die Diagnose der Krankheit schon ein paar wichtige Anhaltspunkte.

Im Zuge der Kämpfe der Vergangenheit haben die Gewerkschaften die Bedingungen eines »Normalkapitalismus« durchgesetzt und dabei die Willkür und die Mißbräuche des rohen Kapitalismus beseitigt. Im gleichen Zug haben sie die Arbeiter integriert. Sie garantierten ihnen die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen und stellten damit dem Kapitalismus eine kollektive Arbeitskraft zur Verfügung, die kräftiger, zufriedener und produktiver war. … Heute freilich wird dieser gewerkschaftlichen Funktion, die für normale Verhältnisse in der Ausbeutung unentbehrlich ist, von der Krise des Systems das Fundament entzogen. Ohne ein genaues Bild dieser Krise zu entwerfen, genügt es zu sagen, daß die Existenzbedingungen des Konsenses und des ausgehandelten Sozialfriedens mit dem Schwund des für Kompromisse zwischen den »zwei organisierten wirtschaftlichen Kräften« verfügbaren Raumes selbst Schritt für Schritt verschwinden. Im besonderen Falle Frankreichs handelt es sich hierbei um ein Land, das mitten zwischen dem nordeuropäischen sozialdemokratischen Modell und dem amerikanischen Kapitalismus angesiedelt ist, in dem die Logik des Privatkapitals ohne Einschränkung regiert.

In Frankreich ist die Bilanz der gewerkschaftlichen »Siege« aus den letzten Jahren mehr als mager. Die Gewerkschaften haben nicht nur alle größeren Kämpfe gegen die Umstrukturierung der alten Industriesektoren verloren, auch in der betrieblichen Lohnpolitik büßten sie Gewicht ein. Ihre moderne Funktion hatten sie spät genug, nämlich in der Zeit der Reformen nach dem Mai 68 übernommen: offensichtlich waren die französischen Gewerkschaften schwächer als ihre Gegenstücke in den Ländern des sozialdemokratischen Modells. In den 70er Jahren schienen sie völlig bewegungsunfähig. Ein militanter Schub in den modernsten Sektoren der Produktion kam ihnen jedoch zugute. Die Zeit der Kämpfe um »Selbstverwaltung«, für die der große Streik bei LIP in Besanšon steht, übersetzte sich noch einmal in einen Mitgliederzuwachs für die CFDT (1). Mit den ersten Maßnahmen der Umstrukturierung, dem Anwachsen der Arbeitslosigkeit und den Angriffen der Unternehmer kehrt diese Tendenz sich um.

Die Niederlage der Stahlarbeiter von 1979 stellt für den bereits geschwächten Gewerkschaftszusammenhang ein wichtiges Datum dar. Sie machte den Niedergang des gewerkschaftlichen Einflusses in den alten Arbeitersektoren offenbar, und dies trotz ausgeprägter Gewalt auf der Straße, hinter der nur schwach maskiert schon damals der Mangel an Perspektiven und die Auflösung traditionellen gewerkschaftlichen Geistes sichtbar wurden. Daß die Linke an die Regierung kam, könnte in diesem Sinn als Folge der Schwächung interpretiert werden. Deutlich hebt sich diese Ära von früheren ab (zum Beispiel von 1936 oder der Zeit nach dem 2. Weltkrieg). Diesmal war der Wahlsieg der Linken nicht von einem Anwachsen der gewerkschaftlichen Kämpfe begleitet, sondern von ihrem Rückgang.

Daß es sich so verhält, beweist der Rückgang in den Mitgliederzahlen der Gewerkschaften, der während der Jahre 1981 bis 1985 anhält und sich sogar verschärft. Der Eintritt der Kommunistischen Partei in die Regierung (1981 bis 1983) sollte diesen Trend keinesfalls umkehren. Von 1970 bis 1985 vermindert sich der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Frankreich von 20 auf 15 Prozent. In der Metallverarbeitung verliert die CGT von 1975 bis 1984 die Hälfte ihrer Mitglieder. Der Mitgliederbestand der CFDT ist hier seit 1972 um 25 Prozent gesunken (2).

Durch die Linksregierung wurden die Gewerkschaften mit einem ganzen Arsenal von Gesetzen ausgestattet, die ihre institutionelle Macht erweitern und verstärken sollten, gleichermaßen in der Privatwirtschaft wie im öffentlichen Dienst. Insgesamt läßt sich sagen, daß diese Maßnahmen die Beteiligung der Gewerkschaften an der Führung der privaten und öffentlichen Unternehmen verstärkt haben, ohne ihre Mobilisierungskraft in irgendeiner Hinsicht wieder zu beleben, ganz im Gegenteil. Machte sich vorher im gewerkschaftlichen Leben bereits der Anhängerschwund spürbar, so liefen die neuen Verhältnisse darauf hinaus, die verbliebenen Militanten von den zahlreichen Mitbestimmungsaufgaben im Tätigkeitsfeld der neuen Gremien aufsaugen zu lassen. In einigen Bereichen langte die Zahl der verfügbaren Gewerkschafter nicht einmal hin, um alle vorgesehenen Positionen zu besetzen. Nicht wenige Kämpfer sind auf diese Weise in einen institutionalisierten Aktivismus eingebunden worden, was sie der Basis weiter entfremdet hat.

Gleichzeitig hat sich der Mitgliederschwund der Gewerkschaften fortgesetzt, und die Gewerkschaftsvorstände versuchten verzweifelt, sich den Verhältnissen anzupassen. In diesem Zusammenhang beklagt einer von ihnen, daß »die Arbeiter eben nicht wissen, daß man sich sehr wohl gewerkschaftlich organisieren kann, einfach um mittwochs freie Zeit für die Familie zu bekommen oder um sich mit Gleichaltrigen zu treffen« (3). Offenbar trägt man Dienstleistungen an, die niemand verführen. Der durchschnittliche Lohnarbeiter fragt sich weiterhin, warum er einer Gewerkschaft angehören soll, während sich vor seinen Augen und für ihn wenig beruhigend die fortgesetzte Demontage des Wohlfahrtsstaats vollzieht.

Die »Tarifpolitik« war im Grunde schon in der Schlußphase der »sozialistischen« Periode wirklichkeitsfremd. 1985 beachteten zwei von drei französischen Betrieben die Verpflichtung zu jährlichen Tarifverhandlungen nicht mehr, und die Verschlechterung der »Sozialleistungen« gehörte zum Alltag. Alles was im folgenden Zeitraum die Rechtsregierung ungeschickt durchführt, vollzieht sich in gradliniger Kontinuität zu den von den Sozialisten ergriffenen Maßnahmen: Abschaffung der Indexlöhne, die sich automatisch an der Preisentwicklung orientierten, Umverteilung und Senkung der Sozialleistungen, Schritte zur Förderung der »Flexibilität der Arbeit« usw. Getreu seinem Image als »der Welt schwachsinnigste Rechts-Regierung« nimmt sich das neue Regime eine »Revision der Gesellschaft« im liberalistischen Sinn vor, wobei es auf den gleichen Legalismus zurückgreift, der vordem das Handeln der Linken kennzeichnete: Gesetz auf Gesetz türmend demontiert sie Schritt für Schritt den rechtlichen Rahmen der Ausbeutungsbeziehungen. Jeder hätte gedacht, das Terrain sei hinreichend befreit und die Schwäche der Gewerkschaften künde das Ende aller Widerstandsversuche auf Arbeiterseite an. Ein Gewerkschaftsboß glaubte sogar schon eine gute Nachricht ankündigen zu können: »Der alte Mythos, wonach die gewerkschaftliche Kampfform der Streik ist, ist überlebt« (4).

Und trotz alledem: Umstellt von dahinsiechenden Gewerkschaften und auf dem Tiefpunkt der Krise erscheint die Arbeiterklasse wieder auf der Bühne – im Streik. Außerhalb der gewerkschaftlichen Apparate und Strategien und gegen sie wird der allgemeine wilde Streik bei der SNCF gezeugt und ausgetragen.

Es könnte paradox erscheinen, daß die erste große Bewegung, mit der die Kämpfe wieder aufgenommen werden, sich bei den Eisenbahnern entwickelt. Und wirklich handelt es sich hier, in dieser Landschaft der Liquidierung von Gewerkschaften, um ein eher untypisches Feld, wo die Beteiligung an Wahlen von Gewerkschaftsdelegierten hoch bleibt (in der Größenordnung von 80 Prozent) und wo alte gewerkschaftliche Traditionen fest verankert sind. Im Laufe der Ereignisse wird sich zeigen, daß es richtiger ist, von der Krise in einem bestimmten Typ gewerkschaftlichen Verhaltens zu sprechen als von einer Krise gewerkschaftlicher Vorstellungen schlechthin. Die SNCF ist das Schulbeispiel des Unternehmens, in dem sich die Gewerkschaften im Laufe der Jahre als Institution verfestigt haben. So erscheint es ganz normal, daß die Arbeiter Zweifel daran entwickeln, ob der Weg zu Kämpfen über die Gewerkschaften führt, – selbst dann, wenn die Ziele durchaus korporativer Art sind.

Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte die kommunistische Gewerkschaft bei den Eisenbahnern. Vom Beginn der 50er Jahre bis heute hat die CGT dort ungefähr 30 Prozent Stimmen verloren. … Vor diesem Hintergrund urteilt ein Beobachter über die neuen Gegebenheiten vielleicht etwas vorschnell folgendermaßen: »Das grundsätzliche Problem, das der Streik aufwirft, lautet: Was wird aus den sozialen Bewegungen, wenn ihr traditioneller Rahmen zerbricht? Die organisierte Arbeiterklasse, eingebunden in eine CGT, die ganz offen durch die Kommunistische Partei kontrolliert wird, das ist inzwischen Geschichte« (5). (Wir unsererseits würden hinzufügen: glücklicherweise!) Und wenn die Eisenbahner sich »unpolitisch« nannten, so haben sie zwar die traditionellen Politikmodelle zurückgewiesen, aber auch versucht, einem anderen Typ gemeinsamen Handelns Geltung zu verschaffen. »Wir sagen den anderen Arbeitern: 'Nehmt Eure Angelegenheiten selbst in die Hand. Und wenn Ihr wollt, macht Euch unsere Erfahrungen zunutze'« (6).

Dequalifizierung und Bewährung

Der Streik der Eisenbahner hat die Aufmerksamkeit auf einen Grundbegriff in der Legitimation kapitalistischer Hierarchie gerichtet: die »Bewährung«. Denn der Ursprung dieser Bewegung liegt gerade in der Revolte gegen einen »bewährungsbezogenen Beförderungsplan«. Und der einzige substantielle Sieg der Streikenden liegt im Verzicht der Regierung auf diese Neuerung. Das massive und einheitliche Sturmlaufen der Arbeiter gegen das Bewährungskriterium wirft eine Reihe von grundsätzlichen Fragen zum Aufbau der Gesellschaft im allgemeinen und zur französischen Gesellschaft im besonderen auf. Sie rückt auch das Problemfeld der gewandelten Grundvorstellungen in der heutigen Arbeitswelt ins Blickfeld.

Im Zurückweisen des Bewährungskriteriums oder auch des Selektionsprinzips werden in einem Anlauf zwei Fragen aufgeworfen: Wer entscheidet und aufgrund welcher Kriterien? Es ließe sich einwenden, daß die Eisenbahner ein anderes Beförderungskriterium verteidigten, nämlich das des Dienstalters (das »Senioritätsprinzip«), auch dieses fragwürdig und nicht egalitär. Daß jedoch hinter der Revolte das Elend mit den wachsenden Beförderungsproblemen stand, daran gibt es keinen Zweifel. In diesem Zusammenhang hat während des Konflikts kaum jemand das Beförderungssystem oder das Senioritätsprinzip gelobt.

In diesem Zusammenhang spielt die Überfülle an Angestellten in Frankreich eine erhebliche Rolle. Es ist davon auszugehen, daß sich zwischen dem Ende des letzten Weltkriegs und den 80er Jahren in Frankreich die Zahl der Angestellten verdoppelt und die der Meister in Industriebetrieben verdreifacht hat. Auf 100 Lohnempfänger in der Industrie entfallen ungefähr 50 Nicht-Arbeiter (gegenüber 40 in Deutschland und 25 in Italien). Von diesen 50 Nicht-Arbeitern stellen die Techniker und kaufmännischen Angestellten 30, die Meister und leitenden Angestellten je 10 (7)! Auch ist bekannt, daß im Vergleich der entwickelten Länder der Unterschied zwischen dem Einkommen des Arbeiters und dem des leitenden Angestellten in Frankreich extrem ist (8). Hier wird deutlich, in welchem Umfang der französische Arbeiter hierarchisch und autoritär kontrolliert wird, im Gegensatz zu den Gesellschaften des sozialdemokratischen Modells, wo paritätische Formen (Unternehmerschaft-Gewerkschaften) vorherrschen.

Ein anderer spezifisch französischer Zug parallel zu dem eben Gesagten liegt in der Art des Verhältnisses zwischen Qualifikation und beruflichem Fortkommen. Während in Ländern wie der BRD die berufliche Stellung eher von der Qualifikation abhängt, hängt sie in Frankreich vor allem von der Beförderung im Betrieb ab (9). Deshalb ist das Senioritätsprinzip in den Lohnstaffeln so wichtig. Vom Standpunkt der kapitalistischen Konkurrenz her gesehen hemmt es den Fortschritt. Diese starke Abhängigkeit von der Seniorität motiviert den Arbeiter nicht, sich auf dem Arbeitsmarkt zu bewegen, den Kapitalisten seinerseits motiviert sie nicht, die Arbeiter durch Maschinen zu ersetzen. Im Wettbewerb mit der internationalen Konkurrenz zeigt sich dann, welche Folgen solche Verhältnisse hinsichtlich der Produktivität und des Modernisierungsgrads der französischen Industrie nach sich ziehen.

Wenn die Linke auch auf der einen Seite alles getan hat, um die institutionelle Macht der Gewerkschaften zu verstärken, so hat sie doch paradoxerweise auf der anderen Seite ihre wahre Kontrollmacht in der Arbeitswelt entscheidend geschwächt. Gerade in der Frage der Lohnstaffelung und der Beförderung in Abhängigkeit von der Betriebszugehörigkeit haben in Frankreich seit den 60er Jahren die Gewerkschaften eine wichtige Rolle gespielt. Und eben diese Abhängigkeit garantierte ihnen in den letzten 20 Jahren reale Macht im Betrieb. Die Entscheidung der Regierung von 1982, die automatische Anpassung der Löhne an die Inflation (Indexlöhne) aufzuheben, stellte jenes Abhängigkeitsverhältnis von neuem zur Diskussion. Das hat in Frankreich die Tendenz zur »Individualisierung« der Löhne verstärkt.

Mit der Rechten an der Regierung und dem Wiedererstarken des liberalen Gedankenguts sollte sich die Verhandlungsfähigkeit der Gewerkschaften auf Betriebsebene sozusagen in nichts auflösen. Auch vorher verlief die Beförderung ohne großen Bezug zu Kenntnissen und Fähigkeiten, aber zumindest in einem Rahmen von Lohnstaffelungen, der mit den Gewerkschaften ausgehandelt war. Heute fallen die Entscheidungen über den beruflichen Aufstieg auf dem Dienstweg und gemäß Kriterien wie solchen der »Bewährung«. In beiden Fällen gibt es kein direktes Abhängigkeitsverhältnis zwischen Beförderung und Qualifikation. In beiden Verfahren hängt die Beförderung von der Treue zum Unternehmen (Betriebszugehörigkeit oder Bewährung) ab. Früher bezog man sich wenigstens auf eine verhandelbare und ausgehandelte Lohnstaffel. Mit der Individualisierung der Löhne hängen die Lohnabhängigen nunmehr von der Willkür des Patrons und der leitenden Angestellten ab. Verständlich, daß die Arbeiter die zweite Variante vergleichsweise sehr viel ungerechter finden.

Die »Individualisierung« der Löhne hat zunächst die leitenden Angestellten betroffen. Erst nach und nach weitet sich dieses System auf die Arbeiter und Angestellten aus. Nicht zufällig wurde das Konzept im öffentlichen Dienst an einer Berufsgruppe mit alten korporativen Traditionen ausprobiert: bei den Zugführern. Die Revolte dagegen zeigt, daß die Arbeiter sich über den »politischen« Charakter der angewandten Kriterien sehr wohl bewußt sind. Denn in den französischen Unternehmen werden die Arbeitsverhältnisse von fett bezahlten und wenig qualifizierten, ineffizienten, hausgemachten leitenden Angestellten beherrscht, deren Kompetenz zu wünschen übrig läßt – konkretes Ergebnis einer Beförderungspolitik nach Bewährung! –, während die berufliche und kulturelle Bildung der Arbeiter und Angestellten in den letzten zwanzig Jahren sehr wohl vorangeschritten ist. Die Entwicklung des modernen Kapitalismus selbst erfordert dies: »Die Bildung der Arbeiter in ihrer Gesamtheit hat sich schneller entwickelt als die speziellen Fähigkeiten der Intellektuellen« (10). Dies bestätigt sich in Frankreich, vor allem in den qualifizierten Berufsgruppen.

Die andere Konsequenz aus dem Rückgang der gewerkschaftlichen Verhandlungsmacht ist die Vertiefung der Kluft zwischen Arbeitern und leitenden Angestellten; der »Konsens im Betrieb« bekommt Risse. Dadurch löst sich ein weiterer Teil der Integrationsfunktion der Gewerkschaften auf. Der Werdegang der leitenden Angestellten, der vor allem nach den Kriterien von Bewährung verläuft, scheint mehr und mehr die Unterwerfung unter die Autorität der Vorgesetzten im Unternehmen kompensieren zu sollen, was Klassenantagonismen neu belebt. Mit dem Streik bei der SNCF trat diese Kluft zum ersten Mal seit Jahren völlig offen in einem Konflikt hervor und obendrein in einem Unternehmen, wo der Korpsgeist hoch entwickelt ist. In diesem Streik sind die leitenden Angestellten »die Gelben«, die »Arbeitsposten« (Anti-Streikposten) aufstellen und die Streikbrecher auf den Zügen begleiten. Dadurch haben sie bewiesen, daß ihre Stellung im Betrieb mehr ihrer Unterordnung unter die Leitungsebenen als ihrer Qualifikation geschuldet ist.

Zwei Überlegungen als Schlußfolgerung: Erstens, die massive Ablehnung der Eisenbahnarbeiter gegenüber der Lohnstaffelung nach Bewährung hat in der Arbeitswelt ein gewisses Echo gefunden, und zwar bei der großen Mehrheit der Arbeiter, die täglich das üble Verhalten von leitenden Angestellten dieses Typs erdulden müssen. Weniger als einen Monat nach dem Ende des Kampfes bei der SCNF brachen in der Privatwirtschaft kleine Streiks gegen die Bemessung des Lohns an der Bewährung aus (11). Zum zweiten hat – in dieser Krisenperiode – die Revolte das Heranreifen eines unter bestimmten Gesichtspunkten neuen Arbeiterbewußtseins möglich gemacht. Kein Zweifel: Das Ende der alten Arbeiterbewegung und die Krise ihrer politischen und gewerkschaftlichen Organisationen hat gleichzeitig den Untergang der alten Denkgebäude über die Veränderung der Gesellschaft zur Folge, der alten Vorstellungen von der »Revolution« als Machtübernahme durch ein »gut geführtes« Proletariat.

Ein außergewerkschaftlicher Streik

Eine Woche nach dem Beginn des Eisenbahnerstreiks ließ die liberale bürgerliche Presse Beunruhigung erkennen: »Ein Großteil der Streikenden stellt die Gewerkschaften selbst zur Diskussion. Mit dem Streik bei der SCNF präsentieren die Gewerkschaften der Regierung die Rechnung für ihre Schwächung« (12). Der Arbeitsminister sollte noch deutlicher werden: »Die Gewerkschaften haben nichts unter Kontrolle. Wir übrigens auch nicht. Jetzt rührt sich die Basis« (13).

So wild und unvorhergesehen er war, für die Eisenbahner selbst stellte der Streik keine Überraschung dar. Seit Jahren gärte die Unzufriedenheit und harte Konflikte waren ausgebrochen – auch während die Linke an der Regierung war (14). Die Bewegungen waren oft von der Basis ausgegangen, hatten ein Netzwerk informeller Verbindungen gewoben und Kampferfahrungen gefestigt. Aktive Kerne schlossen sich außerhalb des gewerkschaftlichen Rahmens zusammen, veröffentlichten Berichte, diskutierten (15). Stellenweise hatte die Unterstützung der Jugendbewegung den Aufbau solcher Gruppen und den Ausbau der Kontakte befördert (16).

Auf die inzwischen bekannte originelle Art inganggesetzt (17), hat der Streik innerhalb einer Woche den gesamten Schienenverkehr lahmgelegt. Da die korporativen Spaltungen stark waren, weitete sich die Bewegung zunächst bei den Zugführern massenhaft aus. Sehr schnell sind dann andere Personalgruppen (das »stationäre Personal«) gefolgt, wenngleich der Streik bei ihnen auch nie von der Mehrheit getragen wurde (18). Der Hauptforderung der »Fahrenden« (Ablehnung der neuen Lohnstaffelung nach »Bewährung«) haben die »Stationären« andere Forderungen die Arbeitsbedingungen und die Löhne betreffend hinzugefügt.

Was die Bewegung von Anfang an auszeichnete, war ihre außerordentliche Fähigkeit zur Selbstorganisation, eine sehr selbstbewußte Entschlossenheit (»Geschlossen, ruhig und hart« war die Devise der Zugfahrer von Paris Nord), sehr lebhafte Debatten über das Verhältnis zur Gewerkschaft und den Korporativismus sowie vor allem die Basisdemokratie und die Delegation von Macht.

Am Anfang der Sache steht die Entscheidung, selbständig zu handeln, außerhalb der Gewerkschaften, die Entscheidung, daß man sich von unten her organisiert und darauf achtet, daß die Kontrolle über den Kampf bei der Basis bleibt. Nun müssen die Gewerkschaften Stellung beziehen: dafür oder dagegen!

Dabei muß hervorgehoben werden: Der Konflikt war nicht antigewerkschaftlich, sondern außergewerkschaftlich. »Im Grund sind wir weder für noch gegen die Gewerkschaften … aber diesmal entscheiden wir« (19); oder: »Die Gewerkschaft hat mit dieser Sache nichts zu tun. Und überhaupt, wenn wir auf die gewartet hätten, würden wir heute noch warten … «. Gewissermaßen eine Zersetzung also: vorn im Bild die Arbeiter, ihnen gegenüber die Direktion, seitwärts, im Hintergrund oder in Frontstellung die Gewerkschaften. Darüber flatterte die Warnung aus einem Flugblatt, das den Streik ins Rollen gebracht hatte: »Die Streikenden werden sich ihren Verpflichtungen gegenüber den Organisationen nicht entziehen, die ihnen die Unterstützung versagen.« Das Ende vom Lied: die Gewerkschaften, vormals als die Organisationen der Arbeiter gesehen, werden jetzt als eine Institution betrachtet, die man kontrollieren muß, um sich die Mittel zu verschaffen. Und die Basis muß sich organisieren, damit die Werkzeuge der Kontrolle geschaffen werden. Alles so, als wollten die Arbeiter ihre Kräfte schonen, indem sie die Verhandlungsvollmacht an die Gewerkschaft delegieren, nicht aber die Vollmacht, in ihrem Namen zu entscheiden. Verhandelt wird von Anfang an nur unter einer Bedingung: das Projekt der Entlohnung »nach Bewährung« wird zurückgezogen.

Verständlich, daß solche Spielregeln den Gewerkschaften nicht gefallen können. Von den ersten Tagen an widersetzten sie sich den Aktivitäten der Basis, vor allem die CGT mit dem Vorwand, dies sei »nicht der richtige Moment«. Stellenweise bildeten ihre Mitglieder sogar »Arbeitsposten«, um die Eisenbahner an Versammlungen zu hindern und Streikkomitees zu bilden (20). Vor der Stärke der Bewegung mußten sie am Ende zurückweichen und versuchten dennoch, einen »Minimaldienst« aufrechtzuerhalten, was die Bahndirektion von ihrem Verantwortungsbewußtsein und ihrer Autorität überzeugen sollte. Aber auch hier werden die Gewerkschaften gezwungen, zurückzuweichen und sich der Entscheidung der Versammlungen zu unterwerfen, die den Zugverkehr vollständig lahmlegen wollen.

Und sehr schnell müssen die Gewerkschaften einsehen: »Wenn die Basis über die Forderungen entscheidet, gibt es keine gewerkschaftliche Linie mehr« (ein Verantwortlicher der CFDT). Völlige Übereinstimmung auch darüber, daß die Streikkomitees »das Risiko mit sich bringen, die gewerkschaftlichen Organisationen zu überspringen« (ein Verantwortlicher der CGT). Für die CGT »säen die Streikkomitees Ärger« und sind »ein Spaltungsfaktor«. Einige klarsichtigere Gewerkschafter erkennen, daß »der Rückgang der Mitgliederzahlen in den Gewerkschaften zu einer solchen Entwicklung geführt hat« (so ein Verantwortlicher der CFDT).

Um ihren Kampf selbst führen zu können, schufen sich die Arbeiter geeignete Organisationsformen: entscheidungsberechtigte Versammlungen, gewählte Streikkomitees mit weisungsabhängigen Delegierten. Weil die Kontrolle über den Informationsfluß eine der Grundlagen gewerkschaftlicher Macht ist, wird es alsbald notwendig, geordnete Beziehungen zwischen den verschiedenen Komitees herzustellen. So entstehen »Koordinationen« auf regionaler Ebene und für ganz Frankreich.

Manchmal geht das Bedürfnis nach direkter Demokratie so weit, daß die Streikenden jede Delegierung von Macht ablehnen. Selbst das Problem der »jederzeitigen Abwahl« wird aufgeworfen, es scheint aber, daß dies eher eine prinzipielle Frage war, die nicht in die Praxis umgesetzt wurde. Gleichwohl haben einige Streikkomitees eine Rotation der Aufgaben praktiziert, vor allem hinsichtlich der Aufgabe des Sprechers (so die Kontrolleure in Metz). Häufig haben die Streikkomitees Protokolle ihrer Versammlungen rumgehen lassen, sowohl in den anderen streikenden Bahnhöfen als auch in den Versammlungen, die von Gewerkschaftsseite angesetzt waren.

Die »Bewegung der Eisenbahnarbeiter« erkennt die Selbstorganisation als Haupterfordernis. Freilich: um Wirksamkeit entfalten zu können, muß die Selbstorganisation auf Einheit rechnen können, die gewerkschaftlichen und politischen Spaltungen überwinden. Nur die allerbreiteste direkte Demokratie macht solche Ziele erreichbar. Ein zweites eigenständiges Element bei diesem Kampf war die allgemeine Sorge dahingehend, die Diskussion über Fragen der Selbstorganisation des Kampfes nur ja nicht abreißen zu lassen. Solche Ausmaße hatte dieses Bemühen seit Jahren nicht mehr angenommen. »Bei jeder Versammlung, seit einer Woche jeden Tag, diskutieren wir am Anfang eine Stunde über das Problem der Delegierung von Macht, von Vertretung, über das imperative Mandat« (Gewerkschaftsdelegierter, Paris St. Lazare). Natürlich hat es auch in der Vergangenheit Kämpfe gegeben, bei denen Formen von Selbstorganisation entstanden sind. Was Frankreich betrifft, so kann man zum Beispiel an den Mai 68 erinnern. Aber die wenigen Aktionskomitees, die sich damals bildeten, blieben isoliert und meistens außerhalb der Arbeitsstätten, wo die Gewerkschaften absolut dominierten. Anläßlich des wichtigen Streiks bei LIP kam es auf Initiative von Gewerkschaftern, die dem Apparat gegenüber mißtrauisch waren, zur Bildung eines Aktionskomitees. Aber dieses Komitee behielt ergänzenden Charakter und blieb abhängig von der Gewerkschaft, die in ihm ein Mittel zur Wiederbelebung ihrer Verbindungen zur Basis sah. Das gleiche gilt für die Fabrikräte in Italien zwischen 1968 und 1974 (21). Der SNCF-Streik ist dagegen eine umfassende Bewegung, die von außergewerkschaftlichen Basisorganisationen geleitet wird.

Die »Koordinationen«: zwischen Korporatismus und politischer Zellenbildung

Die Unterschiede zwischen den beiden wichtigsten »Koordinationen« der Streikkomitees bringen die Verschiedenheit und die Widersprüche in dieser Bewegung gut zum Ausdruck. Von Anfang an scheiden sich die Geister an der Frage des Korporatismus. In der Koordination der Lokführer, allgemein die von Paris-Nord genannt, sammeln sich nur die Vertreter der Lokführer. Die gruppenübergreifende Koordination, also die von Südwest (Netz Paris-Austerlitz-Bordeaux), öffnet sich für die Vertreter der gesamten Breite des stationären Personals ebenso wie für die Lokführer. Andere werden sich quer zu diesen Merkmalen bilden, wie zum Beispiel die Koordination der Streikkomitees der Region von Rouen, wohin Versammlungsdelegierte verschiedener Berufsgruppen entsandt werden.

Prüft man genauer, wie sie vorgehen, so werden noch weit kompliziertere Gegebenheiten erkennbar. Die Koordination von Paris-Nord, die sich korporativ versteht, hat als einzige wirklich repräsentativen Charakter (22). Ihr erklärtes Ziel ist die Kontrolle über die Gewerkschaften, und zwar indem ihnen der Verhandlungsauftrag gegeben wird. Sie will eine »Informationsstruktur der Basis« sein, denn »der Streik wird von der Basis aus geführt, und die ist auch in der Lage, die Entscheidungen zu fällen«.

Für die Lokführer ist der Korporatismus vor allem Ausdruck von Kastengeist, das letzte Aufbäumen einer »Eisenbahneraristokratie« vor dem Abdanken. So verstanden ist ihre Revolte gegen die Beförderung »nach Bewährung« ein Versuch, die Entwertung ihres Berufsstandes zu kapieren. Aber in der korporatistischen Wendung versuchen sie auch, der gewerkschaftlichen Vereinnahmung ihres Kampfes zuvorzukommen, die über die Verallgemeinerung der Forderungen inganggesetzt wird. Weil die Lokführer sich eine Verallgemeinerung jenseits des klassischen gewerkschaftlichen Handelns nicht vorstellen können, haben sie die Bedeutung der Aktionseinheit mit den anderen Berufsgruppen unterschätzt und so die Bewegung geschwächt.

Demgegenüber ist sich die »gruppenübergreifende Koordination« sehr wohl der Notwendigkeit bewußt, den Kampf über die korporativen Grenzen hinaus auszuweiten. Aber obwohl sie Zehntausende von Eisenbahnern vertritt, gelingt es ihr nie, ihren Einfluß auf das ganze Netz und verschiedene Berufsgruppen auszudehnen. Wegen des Kampfgeistes ihrer Mitglieder ist diese Koordination für die Macht und für die Gewerkschaften unangenehmer und sie spielt eine dynamischere Rolle im Streik. Sie entfernt sich mitunter von der Basisdemokratie und gibt den Aktivitäten einer Handvoll Militanter Raum, was es den Trotzkisten erlaubt, beherrschende Funktionen zu erobern und einen neuen Führungskern außerhalb der Basiskontrolle zu bilden. Ihre Anwesenheit erklärt zum Teil, warum diese Koordination versucht hat, sich als ein Verhandlungspartner aufzuzwingen. Denkbar, daß die Anwesenheit von »Politikern« auf das Bild dieser Koordination außerhalb und innerhalb der Bewegung abgefärbt hat. Aber es wäre übertrieben, wollte man daraus die Schwierigkeiten erklären, auf die sie bei der Ausweitung ihres Vertretungsmandats traf.

Wenn Trotzkisten an die Spitze des Streiks gehievt wurden, dann vor allem deshalb, weil sie von ihren Arbeitskollegen als die besten Kämpfer angesehen wurden und nicht, weil sie sich einer bestimmten politischen Linie zuordneten. Während der ganzen Auseinandersetzung haben sie sich übrigens wie Partisanen und Verteidiger der Selbstorganisation an der Basis verhalten (23). Einmal an die Spitze der Komitees gelangt, haben sie alles getan, um einen Teil der Macht dort zu erhalten, – das liegt schließlich in der Natur ihrer politischen Konzeptionen.

Der neue Protagonist: der nicht-gewerkschaftliche Streikende

Das neue und originellste Element dieses Streiks ist der Platz, den die Nicht-Gewerkschafter eingenommen haben. Zwar haben politisierte Linksgewerkschafter (Trotzkisten und Libertäre) der Bewegung wichtige Anstöße gegeben. Aber letztlich wirkte die aktive Präsenz von Nicht-Gewerkschaftern entscheidend auf den Entschluß der Eisenbahner ein, sich autonome Organisationsformen zu geben, – die einzigen, die es ermöglichen, die Einheit außerhalb der Gewerkschaftsstrukturen herzustellen. Die Versammlungen, die Streikkomitees wurden vor allem von den Nicht-Gewerkschaftern vorangetrieben. Die Präsenz ihrer Delegierten in den Streikkomitees war bemerkenswert, vor allem in den großen, militanten Depots. Im Bahnhof von Paris-Nord, von wo der Streik ausging, waren von 160 Fahrern nur 60 in der Gewerkschaft (24).

Dort hingegen, wo die Nicht-Gewerkschafter in der Minderheit waren, gelang den Gewerkschaften die Einmischung und den zwischengewerkschaftlichen Verbindungsleuten gelang die Errichtung wirksamer Hindernisse gegen die Bildung von gewählten Streikkomitees (25). »Am heftigsten ging es oft in den Bahnhöfen zu, von denen man nie zuvor etwas gehört hatte. Vor allem die Jungen (…). Ich bin seit 23 Jahren dabei, und es ist das erste Mal, daß sich Streikkomitees bilden. Manchmal habe ich etwas Angst, daß uns die Unorganisierten ihr Diktat aufzwingen«, sagte ein CGT-Delegierter eines Depots in Lyon.

»Diese Bewegung hat gezeigt, daß es in Frankreich Gewerkschafter gibt, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind« (CFDT-Delegierter). Das Auftreten des nicht-gewerkschaftlichen Streikenden auf der gesellschaftlichen Bühne ist eine der Folgewirkungen aus der Krise der Gewerkschaften. Auch wenn gewerkschaftlicher Geist vorhanden ist – so stellt das Zurückweisen der gewerkschaftlichen Organisationsformen doch zweifellos ein Novum dar.

Früher stand der gewerkschaftlich nicht organisierte Arbeiter in der Regel rechts, war ein Individualist oder ein Original, äußerstenfalls jemand, der noch nicht gewerkschaftlich organisiert war. Und das erlaubte es den Gewerkschaften, die Herausbildung von parallelen Kampfstrukturen tolerant zu behandeln, weil diese ihnen letztlich die Basis zuführten (so bei LIP oder auch im Fall der oben erwähnten italienischen Fabrikräte). So erklärt sich auch, daß die Gewerkschaft die Basisorganisationen als Zeichen von »Arbeiterunreife« sah, als Ergebnis eines schwachen gewerkschaftlichen Organisationsgrades, als »Mangel an Bewußtsein« (26).

Heutzutage sagt der Nicht-Gewerkschafter offen, daß er außerhalb der Gewerkschaft steht. Er ist eine zuweilen mehrheitliche Komponente der Einheit der Arbeiter. Viele dieser Nicht-Gewerkschafter sind »Ehemalige«, für die die Gewerkschaft eine Erfahrung der Vergangenheit ist. »Ist okay für mich, daß wir Delegierte haben, aber aus der Gewerkschaft trete ich aus«, sagte ein Eisenbahner aus Paris auf der Versammlung. Es geht nicht mehr nur darum, ob das gewerkschaftliche Handeln wirksam ist oder nicht, es geht auch um die Machtverhältnisse, die aus ihm resultieren. »Früher war der Gewerkschaftsfunktionär ein Gott«, erzählte ein Eisenbahner. »Wenn der Funktionär sprach, war das ein Hochamt. Jetzt ist es sehr viel schwieriger: Die Jungs haben ihr Ohr überall. Und vor allem sind sie durch die Medien informiert« (CGT-Delegierter). Das Ende also für eine Gewerkschaft, die den »spezialisierten«, »kompetenten« und »informierten« Aktiven auf den Schild gehoben hatte.

In diesen Streik der Eisenbahner stiegen die Gewerkschaften steif und gezwungen ein und als Verlierer aus. Diesmal »blieben die Aufnahmescheine im Karton«, bedauerte ein Gewerkschafter. Die Eisenbahner nahmen die Arbeit so wieder auf, wie sie sie niedergelegt hatten: mit einem Vollversammlungsbeschluß. Die Organisationsgebilde, die sie sich im Streik und für ihn geschaffen hatten, verschwanden mit dem Kampf.

»Etwas erreichen!«

Der große Streik ist am Ende isoliert und auf einen scharf umrissenen Sektor begrenzt geblieben. Wenn die Bewegung kurzatmig wurde, dann zum Teil aufgrund jener Isolation und seiner Orientierung nach innen mit ihren Reflexen im Korporatismus. In einer von der Geißel der Arbeitslosigkeit zerschundenen Gesellschaft der »neuen Armut«, der Prekarisierung und der Unsicherheit, könnte der Eindruck entstehen, ein solcher Konflikt sei in seiner Bedeutung lächerlich. Aber viele Arbeiter verfolgten ihn mit Interesse und Sympathie. Das gilt auch für die Jugendlichen, die zur Unterstützung des Streiks auf die Straße gegangen sind.

Sowohl durch ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation wie durch ihre Sorge um direkte Demokratie hat die Bewegung dem Kampf neue Wege eröffnet. »Wir haben eine historische Chance. Die Organisierung von unten war nötig. Jetzt haben wir sie ohne Widerrede« (Delegierter des Streikkomitees von Rouen). In einer Krisenperiode war diese Organisation fähig, qualitativ Neues von umfassender Bedeutung zu fordern – insbesondere zu den Arbeitsbedingungen – und Bedürfnisse nach kollektiver Verantwortlichkeit gegen die bestehenden Herrschaftsverhältnisse zu formulieren. Der Streik der Lehrer (Januar bis März 87) nahm die Forderungen anti-autoritären Inhalts, diese neuen Wünsche und Bestrebungen genauso auf wie das Organisationsmodell der Einheit von unten.

Die Krise des Systems und das Mißtrauen, das seinen politischen und gewerkschaftlichen Institutionen entgegengebracht wird, brauchen wir heute nicht mehr zu beweisen. Gleichwohl haben wir zu Beginn des Artikels die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß der Streik bei der SNCF eher als praktische Kritik einer bestimmten Art von gewerkschaftlichem Handeln, einer Variante des »Syndikalismus«, denn als Infragestellen des Syndikalismus überhaupt zu verstehen ist.

Die ganze Bewegung – wie auch die der Lehrer – gehört zu den Defensivkämpfen als gegenwärtiger Hauptströmung in allen alten kapitalistischen Zentren. Mit allem was an Begrenztheiten, Sackgassen und Mangel an Perspektiven dazugehört. Aber hier fällt die Entschlossenheit auf, für gewerkschaftliche Ziele ohne gewerkschaftliche Organisation zu kämpfen. Und mehr noch: ohne die Absicht, nun die »gute«, neue Gewerkschaft aufzubauen. Als hätten sie schon klar gehabt, daß ein solches Bauwerk unvermeidlich zur Institution wird. Es geht hier nicht mehr um jene Zwischenphase im gewerkschaftlichen Bewußtsein, wo man versucht, die guten gewerkschaftlichen Prinzipien zu bewahren, und damit die Mängel der Gewerkschaften vertuscht, indem man sie regelmäßig als Kritik an den »schlechten Vorständen« formuliert. Diese neuen Ausgangspunkte sind charakteristisch für die gegenwärtigen gesellschaftlichen Kämpfe. Tausende von Arbeitern haben bewußt und verantwortlich im Winter 1986/87 an ihnen teilgenommen, und die Schwierigkeiten wie auch die neuen Möglichkeiten direkter Demokratie aufgezeigt.

Wie ein Streikender es ausdrückte: »Selbst wenn wir verlieren, haben wir etwas gewonnen … Die Tatsache, daß wir uns bewegen, vielleicht.«

Paris, April 1987


Anmerkungen

1. In den 70er Jahren hat die CFDT die Zahl ihrer Anhänger (nicht Mitgliederzahl sondern prozentualer Anteil bei Wahlen zu den betrieblichen Vertretungen) verdoppelt.

2. Le Monde, 7. 11. 1985.

3. Maire, Edmond, Les syndicats sont indispensables à la modernisation, in: Le Monde 28. 10. 1985.

4. Maire, ebenda.

5. Konopnicki, G., L'après communisme commence à la SNCF. In: Le Matin, 29. 12. 1986.

6. Ein streikender Eisenbahner, nach Le Monde.

7. Lipietz, A., L'Audace ou l'enlisement. Decouvertes.

8. Lipietz, a.a.O., S. 26.

9. In der BRD haben 90 Prozent der Facharbeiter einen berufsbezogenen Abschluß; in Frankreich 50 Prozent.

10. Mattick, P.; in: Le marxisme aujourd'hui, hier et demain, Editions Spartacus, 1983.

11. Vgl. die Streiks bei der »Compagnie des Eaux« in Paris und bei »Manitou« in Nantes im Februar 1987.

12. Le Monde, 24. 12. 1986.

13. Le Canard Enchaine, 24. 12. 1986.

14. Im September 1983 und im September 1985

15. Vgl. die Reportage von G. Suze in: Le Matin, 5. 1. 1987, und das Dossier über den Streik in: Courant Alternatif, Februar 1987.

16. Komitee im Bahnhof von Orleans, in: Lutte Ouvrière, 27. 12. 1986

17. Ein nicht gewerkschaftlich organisierter Zugführer mit Standort Paris-Nord – der sich nie an gewerkschaftlichen Streiks beteiligt – verteilte ein Flugblatt mit dem Vorschlag, die Arbeit bis zur Erfüllung der Forderungen vollständig und zeitlich unbegrenzt einzustellen. »Wenn du hiermit einverstanden bist, dann mach von diesem Blatt ein paar Kopien und verteil sie.«

18. Auf dem Höhepunkt der Bewegung befand sich schätzungsweise die Hälfte der insgesamt ca. 200 000 Eisenbahner im Streik.

19. Die Zitate entstammen verschiedenen Interviews und Artikeln in der französischen Presse.

20. In Ivry (Paris Südost), wo sich eins der größten französischen Depots befindet und wo die Betriebszellen der Kommunistischen Partei direkt dem Zentralkomitee Bericht erstatten, sollte die CGT Antistreik-Posten aufstellen. Ohne bedeutende Erfolge allerdings, da über den Streik abgestimmt wurde.

21. Gründlichere Untersuchungen finden sich in: ICO, La grève generalisee en France, mai - juin 1968; D.Grisoni und H.Portelli, Luttes ouvrieres en Italie, de 1960 à 1974. Aubier Montaigne 1976; und als Klarstellung: Lip, une brèche dans le mouvement ouvrier traditionnel.

22. Aus der Gesamtzahl von 97 Depots vertritt die Koordination 37, unter ihnen die größten. Sie unterhält Verbindungen zu 50 weiteren.

23. Zu den Positionen der Gruppe Lutte Ouvrière vgl. die Artikel »Comment la grève des cheminots s'est generalisee« vom 3. 1. 1987 und »L'avenir est aux luttes dirigees par la base« vom 17. 1. 1987.

24. In Juvisy, einem Depot, das die gruppenübergreifende Koordination aktiv unterstützt hat, waren 12 der insgesamt 19 Delegierten im Streikkomitee nicht gewerkschaftlich organisiert. Vgl. das Dossier in Courant Alternatif, Februar 1987.

25. So im ganzen Südosten. Vgl. auch den Augenzeugenbericht über das Depot von Angers in Courant Alternatif, Februar 1987.

26. Edmond Maire über den Streik bei Lip, in: Lip 73. Editions Seuil 1973


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