Wildcat Nr. 80, Dezember 2007, China-Beilage, S. 59–67 [w80_china_arrighi.htm]



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Adam Smith in Beijing

Wird der historisch beispiellose Aufstieg Chinas zur führenden Wirtschaftsmacht der Welt zu einer grundlegenden Umwälzung der gesamten Weltordnung führen – oder wird es der bisherigen Weltmacht USA doch gelingen, diesen Aufstieg einzudämmen? Oder, ein keinesfalls hoffnungsvolleres Szenario, wird China einfach in die Fußstapfen der bisherigen Ordnungsmächte des kapitalistischen Weltsystems treten und einen neuen Zyklus kapitalistischer Verwertung, Ausbeutung und barbarischer Zerstörung einleiten? Nichts ist ausgemacht, sagt Giovanni Arrighi in seinem neuen Buch Adam Smith in Beijing, das im Untertitel beansprucht, «die Genealogie des 21. Jahrhunderts» darzustellen.

Schon mit dem auf den ersten Blick verwirrenden Titel stellt sich der italienische, heute in den USA lebende Autor bewusst in die Tradition des italienischen Operaismus, der Klassenkämpfe und Revolten von unten nicht als pure Reflexe auf zwangsläufig ablaufende ökonomische Entwicklungen betrachtet, sondern in ihnen einen eigenständigen und unabhängigen Faktor der Geschichte sieht. Nicht zuletzt dieser operaistische Grundgedanke, den er nicht als abstraktes Glaubensbekenntnis bemüht, sondern als empirisch feststellbare historische Tendenz herausarbeitet, stimmt ihn optimistisch – auch wenn für ihn nichts ausgemacht und vieles offen ist. Schließlich stellen die USA durch ihren Versuch, den eigenen Niedergang als Supermacht durch Kriege mit desaströsem Ausgang aufzuhalten, nur zu deutlich unter Beweis, dass der kollektive Untergang der Menschheit in militärischer Barbarei immer noch eine historische Option ist.

Arrighi stützt seinen Optimismus darauf, dass der Aufstieg Chinas im Weltsystem nach grundsätzlich anderen Mustern verläuft als der Aufstieg des westlichen Industriekapitalismus in den letzten zweihundert Jahren – und dass in diesem Fall die größte Sozialbewegung der Welt, die chinesischen ArbeiterInnen auf dem Land und in den Städten einen schon jetzt unübersehbaren Einfluss auf den Verlauf dieses Aufstiegs haben werden. Worin besteht dieses andere Muster? Bedeutet der Aufstieg Chinas nicht einfach die Ablösung einer kapitalistisch-imperialistischen Supermacht durch eine andere, so wie die USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Erbe des niedergehenden britischen Empires antraten oder letzteres am Ende des 18. Jahrhunderts der ersten kapitalistischen Weltmacht Holland den Rang abgelaufen hatte? Eben nicht, sagt Arrighi und nennt seine Analyse daher Adam Smith in Beijing – nicht um zu unterstreichen, dass sich China unaufhaltsam in Richtung einer kapitalistischen Großmacht entwickelt, sondern weil er es noch nicht für ausgemacht hält, dass China überhaupt den kapitalistischen Weg einschlagen wird.

Theoretiker einer nichtkapitalistischen Marktwirtschaft

Adam Smith, der berühmte schottische Philosoph und Ökonom des 18. Jahrhunderts, war Arrighi zufolge keineswegs der Verfechter des Kapitalismus, zu dem ihn die späteren Ideologen und Apologeten der kapitalistischen Gesellschaftsordnung gemacht haben. Das Prinzip der «unsichtbaren Hand» des Marktes, das automatisch dazu führt, dass die rücksichtslose Verfolgung der eigenen Interessen in der Konkurrenz zum größtmöglichen Wohlergehen aller führt, ist meistens das Einzige, was aus seinem 1776 erschienen Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen herausgegriffen und als Rechtfertigung von Konkurrenz und Ausbeutung benutzt wird. Bei Adam Smith ist dieses Prinzip aber an einen politischen und institutionellen Rahmen gebunden, in dem der Einfluss des Kapitals zurückgedrängt und die Profite niedrig gehalten werden. Der Markt hat nur solange seine Berechtigung, wie es dem Staat gelingt, die Bildung übermächtiger Kapitale zu verhindern, und ihre Konkurrenz untereinander nicht dazu führt, dass die Löhne der Arbeiter und die Renten der Pächter sinken, sondern der Profit selber auf das geringste mögliche Niveau gesenkt wird. Der tendenzielle Fall der Profitrate war keine Erfindung von Marx, sondern wurde von Smith als eine positive Folge der Konkurrenz unter den Kapitalisten gesehen, die deren Einfluss in Grenzen hält. Was für das Schulbuchwissen über Adam Smith noch überraschender sein mag: Den Idealzustand einer solchen Gesellschaft, in der es zwar einen Markt aber keine die Gesellschaft beherrschende Kapitalistenklasse gibt, sah Smith am Ende des 18. Jahrhunderts in China verwirklicht. Das Land war damals die größte Wirtschaftsnation der Welt, die Importe aus dieser hochentwickelten Ökonomie spielten eine große Rolle und Denker der Aufklärung waren fasziniert von dem dort erreichten Stand der Wissenschaft, Kultur aber auch der Staatskunst oder des Geld- und Kreditwesens. Es gab Handels-, Geld- und Manufakturkapitalisten in China, aber es gab keinen Selbstlauf einer an der «endlosen Akkumulation» von Kapital orientierten Expansion. Smith bezeichnet diesen Zustand daher als «stationär» – im positiven Sinne als erreichter und gesicherter Wohlstand. Der Entwicklungsweg dahin sei in China der «natürliche» gewesen, das heißt ausgehend von der Verbesserung in der Landwirtschaft habe sich ein Manufakturwesen entwickelt und erst auf dessen Basis der innere und äußere Handel. Im Gegensatz dazu hätten sich die westeuropäischen Staaten über einen «unnatürlichen» und «verkehrten» Weg entwickelt: ausgehend vom auswärtigen Handel seien die Manufakturen entstanden und erst über deren Entwicklung sei es dann zu Verbesserungen in der Landwirtschaft gekommen.

Der Buchtitel Adam Smith in Beijing ist eine bewusste Anspielung auf den Text «Marx in Detroit» des operaistischen Theoretikers Mario Tronti. Im Nachwort zur zweiten italienischen Auflage seines Buchs Arbeiter und Kapital [siehe Workers and Capital] weist er darauf hin, dass die Klassenkämpfe in den großen Fabriken der USA in den dreißiger Jahren viel deutlicher und unverhüllt von linker Ideologie zeigen, was Marx in seiner Kritik des Kapitals theoretisch herausgearbeitet hat. Damit wendet er sich gegen die Vorstellung, die westeuropäische, stärker ideologisch geprägte Arbeiterbewegung sei marxistischer im Vergleich zu der ganz unideologischen und von sozialistischer Ideologie kaum berührte in den USA. Eine ähnliche Umkehrung von der Ideologie zur Realität beansprucht Arrighi mit Adam Smith in Beijing: Nicht die Entwicklung des Kapitalismus in Westeuropa, als deren Ideologe Adam Smith gilt, entspricht seinem Gesellschaftskonzept, sondern vielmehr das China des 18. Jahrhunderts und vielleicht darüber hinaus.

In doppelter Weise benutzt Arrighi die – von ihren späteren Entstellungen befreite – Wirtschaftstheorie von Adam Smith als einen heuristischen Leitfaden zur Hypothesenbildung. Zum einen nimmt er Smith, um sich gegen die von bürgerlicher Ökonomie und Linken gleichermaßen gepflegte Vorstellung zu wenden, Märkte seien zwangsläufig mit Kapitalbildung und endloser Akkumulation verbunden. Das bürgerliche Credo, Märkte würden von sich aus zu Kapitalbildung und dem, was Marx die «Verselbständigung des Werts» nennt, führen, ist zwar auch längst historisch widerlegt, aber gerade im Kontrast zwischen der chinesischen und der westeuropäischen Entwicklung entsteht damit die Frage, wie es überhaupt zu diesem gigantischen Aufstieg des Industriekapitalismus mit all seinen verheerenden Folgen kommen konnte. Smith hatte ihn jedenfalls weder theoretisch untermauert noch herbeigesehnt. Zweitens kann Smith als eine erste Annäherung an das Besondere der chinesischen Wirtschaftsentwicklung genommen werden, weil er es explizit benennt und die Unterscheidung zweier grundsätzlich verschiedener Entwicklungspfade einführt. Smith liefert damit Hypothesen, um den zwei zentralen Rätseln auf die Spur zu kommen, die sich durch alle Debatten um die Entwicklung des globalen Kapitalismus im allgemeinen und die Rolle Chinas darin im besonderen hindurchziehen. Im Folgenden fassen wir recht grob zusammen, wie Arrighi versucht, diesen Rätseln unter Anleitung von Adam Smith auf die Spur zu kommen.

Die große Divergenz

Wenn China bis ins 18. Jahrhundert oder gemessen an seiner globalen wirtschaftlichen Bedeutung sogar bis Mitte des 19. Jahrhunderts die größte und am weitesten entwickelte Wirtschaftsnation war, auf allen Gebieten der Technik, des Handels, des Geld- und Kreditwesens oder der Künste mindestens ebenso versiert wie Westeuropa, wieso gelang es dann nur Westeuropa, genauer gesagt England, mit der industriellen Revolution in kurzer Zeit zur beherrschenden und den Rest der Welt ausbeutenden Macht aufzusteigen? Und warum verschwindet China nach dem ersten Opiumkrieg (1839-1842) in der historischen Bedeutungslosigkeit, bis dahin, dass es 1950 als ärmstes Land der Erde gilt? Genauso rätselhaft ist dann die Frage, warum China in den letzten zwanzig Jahren einen so kometenhaften Aufstieg erleben konnte – vor allem vor dem Hintergrund, dass sich an dem globalen Nord-Süd-Gefälle trotz aller Entwicklungsversprechungen in den letzten hundert Jahren kaum etwas geändert hatte. Damit stellt sich auch die Frage, ob zwischen den beiden Rätseln ein Zusammenhang besteht, ob Verbindungslinien zwischen der heutigen Renaissance der chinesischen Wirtschaft und ihrer Blüte bis vor 150 Jahren – einer welthistorisch eher kurzen Zeitspanne – bestehen. Wenn es solch eine Verbindung gibt, wäre sogar umgekehrt zu fragen: Warum hat es dann doch so lange gedauert bis zu diesem Wiederaufschwung?

Wenn sowohl der zeitweise Niedergang Chinas wie der heutige Aufschwung auf einem vom klassisch kapitalistischen Weg grundsätzlich verschiedenen Entwicklungspfad beruht – das zu zeigen verspricht Arrighi schon im Buchtitel –, dann wäre dies zumindest ein starkes Indiz dafür, dass Chinas Rückkehr in die globale Wirtschaft deren Weichen neu stellen könnte, zumal es sich hier um einen Raum handelt, in dem anders als in Fällen wie Kuba, Vietnam, Nicaragua oder Venezuela ein Fünftel der Menschheit lebt. «Die große Divergenz», mit der heute in der historischen Forschung die Frage nach der abrupten Auseinanderentwicklung von China und Westeuropa bezeichnet wird, ist Teil einer umfassenderen Nord-Süd-Spaltung in der Verteilung des Reichtums auf der Welt, deren Hartnäckigkeit bürgerliche Entwicklungstheorien nicht erklären konnten (oder wollten). Auch in dieser Hinsicht nimmt Arrighi eine Überlegung von Adam Smith auf, weniger als theoretische, denn als praktisch-politische Hypothese. Bei der Frage, welche Vor- oder Nachteile die Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Ostindien um das Kap der Guten Hoffnung gebracht hätten, stellt Smith fest, dass «das Übergewicht an Macht auf seiten der Europäer so groß [war], dass sie sich jede Art Ungerechtigkeit in diesen fernen Gebieten erlauben konnten», und fragt danach, wie die Menschen dieser Länder stärker und die Europäer schwächer werden könnten, damit es zu einem Gleichgewicht in der Abschreckung und damit zu wechselseitigem Respekt kommen könnte. «Die übergreifende These in Adam Smith in Beijing ist, dass das Scheitern des Projekts für ein Neues Amerikanisches Jahrhundert und der Erfolg der chinesischen Wirtschaftsentwicklung zusammengenommen die Verwirklichung von Smiths Vision einer Weltmarktgesellschaft auf der Grundlage größerer Gleichheit unter den Zivilisationen der Welt wahrscheinlicher gemacht haben als je zuvor seit der Veröffentlichung von Der Wohlstand der Nationen vor fast 250 Jahren. Die Versuche der USA, die Erlangung von Macht durch den globalen Süden zurückzudrängen, schlugen auf sie selbst zurück. Sie haben das beschleunigt, was ich die 'letzte Krise' der US-Hegemonie nenne, und günstigere Bedingungen für die Bildung eines Commonwealth, einer Gemeinschaft der Zivilisationen, in der Art, wie Smith sie sich vorgestellt hat, geschaffen als je zuvor. Die Entstehung einer solchen Gemeinschaft ist bei weitem nicht sicher.» (Arrighi, in: Kapitalismus reloaded, 2007 – gekürzte Übersetzung der Einleitung von Adam Smith in Beijing, S. 250)

Endlose Akkumulation von Kapital

Im linken wie im bürgerlichen Denken herrscht oft große Einigkeit darüber, dass die expansive Bewegung des Kapitals und seiner Akkumulation das «normale» oder «natürliche» ist – sei es als ehernes Gesetz der Konkurrenz oder als Selbstlauf einer nebulösen «Produktivkraftentwicklung». Bei genauerem Hinsehen wird es aber historisch sehr schwierig zu erklären, wieso es zu dieser von ihrem Prinzip und Selbstverständnis her «endlosen» Akkumulationsbewegung gekommen ist und vor allem, warum sie sich so lange erhalten konnte, statt mit der nächsten Krise, die sie auslöste, zu ihrem Ende zu kommen. In der Auseinandersetzung mit verschiedenen Erklärungsansätzen zeigt Arrighi, dass sich dieser «Take-Off» und sein Andauern weder aus der Entwicklung des Marktes noch allein aus inneren Klassenverhältnissen erklären lassen. Dreierlei musste zusammenkommen, um diese Akkumulationsdynamik einzuleiten und aufrechtzuerhalten: 1. eine Klasse von Kapitalisten, die diese Bewegung G-W-G', also mit Geld Waren kaufen und für mehr Geld diese oder andere Waren wieder verkaufen, organisierten. In diesem allgemeinen Sinn gab es Kapitalisten schon im römischen Reich oder früher und ebenso im China der Kaiserzeit. 2. Entscheidend dafür, dass diese Bewegung, also das Kapital zu einer das gesellschaftliche Leben beherrschenden Form werden konnte, war die Unterstützung durch den Staat. Arrighi sitzt nicht der Mystifizierung der Ökonomie als eigenständiger Sphäre der Gesellschaft auf, wie sie von der kapitalistischen Gesellschaft selbst hervorgebracht und in bürgerlichen oder vulgär-marxistischen Auffassungen reproduziert wird, sondern betont den inneren Zusammenhang von politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Erst die Verbindung zwischen dem von den Kapitalisten aufgehäuften Reichtum und der Staatsmacht brachte die Akkumulationsdynamik in Schwung. Das unmittelbare Bindeglied zwischen Staat und Kapitalisten war 3. das Militär und die Kriegsführung. An der Entwicklung des westeuropäischen Staatensystems und der in seinem Rahmen beginnenden Kapitalakkumulation lässt sich zeigen, wie einerseits die Staaten über ihre Kriege in Abhängigkeit vom Reichtum der Kapitalisten gerieten und umgekehrt mit ihrer so erkauften militärischen Macht die territoriale Expansion nach Außen durchsetzen konnten, die zur notwendigen Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der «endlosen Akkumulation» wurde. Daneben gingen vom Militär die größten Impulse zur Einführung der Lohnarbeit («Söldner»), einer fabrikmäßigen Disziplinierung dieser Arbeitskräfte («Drill») und zur frühen Entwicklung moderner, quasi-tayloristischer Produktionsmethoden in der Waffenproduktion aus. In seinen früheren Studien, auf die sich Arrighi hier bezieht, hatte er vier große Zyklen der kapitalistischen Akkumulation ausgemacht, die sich jeweils unter der Herrschaft einer hegemonialen Geld- und Militärmacht vollzogen: die genuesisch-iberische noch vor-staatliche Machtkonfiguration im 16. Jahrhundert, der Proto-Nationalstaat Niederlande im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert, das schon über einen bloßen Nationalstaat hinausgehende britische Empire im 19. Jahrhundert und schließlich die Supermacht USA, die zwar auf keinen so umfassenden territorialen Einfluss wie das britische Empire zurückgreifen, aber in historisch beispiellosem Ausmaß Militärbasen rund um den Globus unterhalten konnten. Dies zeige nebenbei, dass es nicht um Nationalstaaten in irgendeinem idealtypischen Sinne geht, sondern um unterschiedliche Arrangements von politischer, militärischer und ökonomischer Macht, die jeweils für sich historisch zu untersuchen sind.

Wichtig ist es Arrighi an dieser Stelle, den Begriff Kapitalismus richtig zu fassen. Ein paar Kapitalisten machen noch keinen Kapitalismus. Als realisierte «endlose Akkumulation» existiert «das Kapital» nur in diesem Prozess sich ablösender hegemonialer Machtpole, von denen jeder den Raum der Akkumulation ausweitet. Erst durch diese Ablösung des einen Zentrums, in dessen Rahmen die Entwicklung durch eine zwangsläufig einsetzende Überakkumulation an Grenzen gestoßen ist, durch ein neues Zentrum, das durch die militärisch-politische Öffnung eines größeren Raums der Akkumulation einen erneuten Aufschwung ermöglicht, kann sich das Kapital als Kapital, als selbstverwertender Wert erhalten. Diese Erweiterung des Raums betrifft nicht einfach das staatliche Territorium, sondern besteht vor allem in einer Externalisierung, dem Rückgriff auf Rohstoffe und der Abwälzung von Kosten (sozialer, ökonomischer, aber auch militärischer Art) auf andere Gebiete. Dass sich in dieser Entwicklung Wohlstand für einen kleinen Teil der Menschheit und Armut für die globale Mehrheit entwickeln, ist also kein bedauerlicher historischer Unglücksfall, sondern eine systemische Bedingung dieser endlosen Akkumulation von Kapital und von Macht.

Um mit Marx zu sprechen, könnten wir sagen, diese nationalen historischen Konfigurationen sind keine dem Kapitalismus als Entwicklungsprozess äußerliche, kontingente Erscheinungsformen, sondern sie sind seine Existenzweise. Die Frage nach einem Ende des Kapitalismus ist damit die Frage nach den Grenzen dieser historischen Entwicklungsdynamik.

Turbulenzen der Weltwirtschaft

Diese historische Analyse des politischen Charakters der «ökonomischen» Entwicklung des Kapitals nutzt Arrighi, um sich mit der aktuellen Krise oder Stagnation der Weltwirtschaft in den letzten dreißig Jahren auseinanderzusetzen. Am Beispiel der rein ökonomischen und auf die drei Länder USA, Japan und Deutschland beschränkten Analyse des linken Wirtschaftshistorikers Robert Brenner («Boom & Bubble», 2003) zeigt er, das dessen Theoriebildung an zwei zentralen Aspekten der gegenwärtigen Krise vorbeigeht: 1. der Rolle der Arbeiterklasse in ihr, und 2. der Krise der hegemonialen Weltmacht in Bezug auf das Nord-Süd-Gefälle. Wenn Brenner mit rein theoretischen Überlegungen das Anfang der siebziger Jahre entwickelte Argument der Profitklemme, also einer durch die Lohnexplosion in den sechziger Jahren in die Krise geratenen Profitrate, vom Tisch fegt, dann zeigt Arrighi durch den Vergleich mit den Krisenverläufen im 19. Jahrhundert, dass der Einfluss der Klassenkämpfe auf Beginn und Verlauf der Krise ein historisch neues Moment ist. Die Flucht in die sogenannte Stagflation, also die ökonomisch ungewohnte Kombination aus Stagnation und Inflation statt Deflation wie im 19. Jahrhundert, wertet Arrighi als Ausdruck der Unfähigkeit des kapitalistischen Staats, die Krise einfach auf die Arbeiterklasse abzuwälzen. Noch dramatischer ist die Verbindung zwischen der mit der Niederlage in Vietnam einsetzenden politischen Krise der hegemonialen Rolle der USA und ihrer Unfähigkeit, einen ökonomischen Ausweg aus der Krise zu finden. Durch die monetaristische Wende in der Geldpolitik Anfang der achtziger Jahre gelingt es zwar den USA, die globalen Kapitalströme umzukehren und vom größten Gläubiger der Welt zu ihrem größten Schuldner zu werden. Als Zentrum der globalen Finanzströme und durch den spekulativen Boom der «New Economy» erzeugen die USA in den neunziger Jahren eine ökonomische Scheinblüte, die manche schon als die Grundlage eines weiteren amerikanischen Jahrhunderts deuten wollen. Aber diese Blüte ändert nichts an der grundlegenden Überakkumulation von Kapital und sie steht auf tönernen Füßen, weil sie von ständigen Kapitalzuflüssen aus anderen Teilen der Welt abhängt, die wiederum auf der weltpolitischen Rolle der USA als militärische Supermacht und damit als «sicherer Hafen» für Kapitalanlagen beruhen. Und in dem Maße, wie sich das Kapital in den USA aus der industriellen Produktion zurückzieht, um in Finanzgeschäfte investiert zu werden, verschiebt sich global das Zentrum der Industrie – nach Ostasien. Warum hierhin und nicht nach Lateinamerika oder Afrika, wo ebenfalls billige Arbeitskraft im Überfluss vorhanden wäre – die mexikanischen Maquiladoras sind ein wichtiges Beispiel –, ist für Arrighi eine wichtige Frage und ein Puzzle in seiner Erklärung für den Niedergang und die Renaissance von China. Was die Kapitalisten an China so interessiert, ist nicht einfach die billige Arbeitskraft, sondern dass es gut ausgebildete und industriell vorgebildete billige Arbeitskraft ist. Hier sieht er eine Verbindungslinie zu der bereits im 18. Jahrhundert stark arbeitsteiligen Produktion, deren Kultur und Erfahrung sich durch den Niedergang und die Mao-Zeit hindurch erhalten haben. Der Aufstieg der Industrie in den USA zum führenden Produktionsmodell, der sogenannte Fordismus, beruhte auf der extremen vertikalen Integration riesiger Firmen, die die gesamte Produktionskette angefangen von den Rohstoffen bis zum Endprodukt in eigener Regie organisierten. Unter den Bedingungen eines in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammengebrochenen Weltmarkts bot dieses Modell den USA einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen, zersplitterteren Formen der Arbeitsteilung. Mit der zunehmenden Re-Integration des Weltmarkts nach dem zweiten Weltkrieg geriet dieses Modell aber ins Hintertreffen gegenüber flexibleren Modellen der Verkettung von kleineren Produktionseinheiten, wie sie zunächst beispielhaft in Japan und später in China genutzt wurden. Anders als es aus westlicher Perspektive erscheinen mag, ging der erste Impuls zum industriellen Wiederaufschwung Chinas auch nicht von ausländischen Direktinvestitionen und von dort importierten Produktionsmodellen aus, sondern von einer eigenständigen Entwicklung – weniger in den Städten als auf dem Land. Was daraus entstand nennt Arrighi in Anlehnung an asiatische Wirtschaftsforscher eine «Hybridisierung» aus den traditionellen asiatischen Produktionsformen und Elementen der kapitalistischen Großindustrie. Elemente einer Wirtschaftsweise, die im 19. Jahrhundert einen dem Westen vergleichbaren industriellen und damit militärischen «Take-Off» verhinderten, werden damit heute zu Wettbewerbsvorteilen auf einem globalen Markt.

Asiatisches Staatensystem und stationäre Ökonomie

Der entscheidende Grund für den Niedergang Chinas und Ostasiens im Zuge der militärisch-imperialistischen Expansion des Westens war das gänzliche Fehlen eines ähnlichen Zusammenwirkens von Kapital, Staaten und militärischer Expansion nach außen wie in Westeuropa. Entgegen einem verbreiteten Mythos der westlichen Sozialwissenschaften waren Nationalstaaten keine europäische Erfindung. Abgesehen von Indonesien, Malaysia und den Philippinen, die Produkte der Kolonialgeschichte sind, existierten die wichtigsten Staaten Ostasien schon lange vor ihren europäischen Gegenstücken als Nationalstaaten: Japan, Korea, China, Vietnam, Laos, Thailand oder Kambodscha. Sie alle standen direkt oder vermittelt über das Zentrum China in Verbindung miteinander, unterhielten Handels- und diplomatische Beziehungen und verfügten über einen gemeinsamen Kanon an Regeln und Normen in ihrem Verhalten untereinander. Diese Konstellation ist also durchaus dem europäischen Staatensystem vergleichbar und um so auffälliger sind die Unterschiede: 1. Während zwischen den europäischen Staaten eine ständige militärische Konkurrenz und das Streben nach territorialer Ausweitung herrschte, was schließlich in der Industrialisierung des Kriegs kulminierte, gab es innerhalb des ostasiatischen Staatensystems, zwischen den Nationalstaaten kaum kriegerische Auseinandersetzungen – auch wenn es, wie Arrighi hervorhebt, in dieser Zeit zu zahlreichen militärischen Konflikten an den Außengrenzen und bürgerkriegsähnlichen sozialen Konflikten im Inneren kam. 2. Es gab keinerlei Tendenzen, in Konkurrenz miteinander überseeische Territorien zu erobern. Konkurrenz untereinander existierte in anderen Formen, zum Beispiel zwischen Japan und China um die Rolle des Zentrums in den regionalen Tributbeziehungen. Entsprechend bemühte sich Japan, technologisches und organisatorisches Know-How für die Landwirtschaft, den Bergbau und die Manufakturen aus China und Korea abzuwerben. Aber diese Art der Konkurrenz trieb die Entwicklung in Richtung des Aufbaus des Staates und der nationalen Ökonomie, ohne zur kriegerischen territorialen Expansion nach Außen zu führen.

Diese Unterschiede in der Dynamik des europäischen und des ostasiatischen Staatensystems sieht Arrighi in engem Zusammenhang mit zwei weiteren Aspekten: Innerhalb der beiden Systeme war die Macht ganz anders verteilt und sie unterschieden sich bezüglich der Frage, ob die Hauptquelle der Macht innerhalb oder außerhalb des Systems liegt. Das Machtgleichgewicht zwischen vielen Staaten trug in Europa dazu bei, dass sie ständig Krieg untereinander führten, während in Ostasien mit China eine stabile hegemoniale Macht existierte. Das allein könne aber noch nicht erklären, wieso sich in Ostasien kein vergleichbares Muster militärisch-imperialistischer Konkurrenz um Territorien herausbildete. Denn als nach den Napoleonischen Kriegen England zur militärisch-politischen Hegemonialmacht aufstieg, kam es zwar zu dem für Europa beispiellosen «hundertjährigen Frieden» von 1815 bis 1914. Dieser konnte aber nicht verhindern, dass das Wettrüsten und die imperialistische Konkurrenz um Territorien weiter eskalierte und schließlich in Weltkrieg mündete. Den entscheidenden Grund für die unterschiedliche politisch-militärische Dynamik sieht Arrighi in dem stärker extrovertierten ökonomischen Entwicklungspfad der westeuropäischen Staaten.

Damit kommt er auf die Beobachtung und Hypothese von Adam Smith zurück, dass sich die europäischen Länder, vor allem Holland, auf «unnatürliche» Weise, nämlich ausgehend vom Fernhandel entwickelt haben, während China den «natürlichen» Weg einschlug. Mit einem Abriss der chinesischen Wirtschaftsgeschichte untermauert Arrighi die von Smith getroffene Unterscheidung und präzisiert sie. Für Chinas Herrscher war es zum Zweck ihrer Machtfestigung und zur Reichtumssteigerung einfach sinnvoller, sich auf die Entwicklung der nationalen Ökonomie und friedlicher Handelsbeziehungen zu den Nachbarländern zu konzentrieren, statt in einen riskanten Fernhandel oder territoriale Eroberungen zu investieren. Selbst technisch durchaus mögliche Entdeckungsreisen wurden untersagt und der Fernhandel eingeschränkt. Umgekehrt lag für die europäischen Staaten eine Hauptquelle ihres Reichtums und ihrer Machtposition innerhalb des eigenen Staatensystems in der exklusiven Kontrolle des Handels mit dem Osten. Dies stieß die Dynamik sich wechselseitig verstärkender militärischer, wirtschaftlicher und imperialistischer Entwicklungen an, in denen und durch die sich die «endlose Akkumulation» von Kapital und Macht entwickelte. Auch in China kam es zu teilweise rasanten wirtschaftlichen Entwicklungen, so noch im 18. Jahrhundert, was ein Grund dafür ist, dass China seinen Anteil an der weltweiten Reichtumsproduktion selbst nach dem Beginn der industriellen Revolution in England noch fast ein halbes Jahrhundert lang steigern konnte. Aber diese Art der Wirtschaftsentwicklung verschob lediglich ein gegebenes Gleichgewicht auf ein höheres Niveau, löste jedoch keinen Selbstlauf des Kapitals als eine die Gesellschaft beherrschende Macht aus. Während sich die Kapitalisten in Europa die Kontrolle über den Staat verschaffen konnten und ihn zu dem machten, was Marx und Engels in diesem Fall zutreffend als einen puren Ausschuss zur Verwaltung der gemeinschaftlichen Geschäfte der Bourgeoisie bezeichneten, blieben die Kapitalisten in China eine untergeordnete Gruppe, die keinen Einfluss auf die Staatsgeschäfte nehmen konnte. Stattdessen entwickelte sich der chinesische Kapitalismus nur in der Diaspora, dort allerdings mit einer beispiellosen Nachhaltigkeit, die ihn zu einem wichtigen Faktor der Rückkehr Chinas als Wirtschaftsmacht in den letzten zwanzig Jahren machen sollte. Im Verhältnis zum Westen war diese «Introvertiertheit» der chinesischen Wirtschaftsentwicklung um so fataler, da der bewusste Verzicht auf die Entwicklung von Fernhandel und überseeischen Eroberungen am Ende des 18. Jahrhunderts zu einem Niedergang des einst so fortschrittlichen Schiffbaus führte, während er in Europa in dieser Zeit einen enormen Aufschwung und eine technologische Weiterentwicklung erfuhr. Als das britische Empire China durch seine maritime Überlegenheit im ersten Opiumkrieg eine vernichtende Niederlage beibrachte, war es zu spät, diesen Entwicklungsvorsprung wieder aufzuholen. Es war militärische Gewalt, mit der sich der Westen Ostasien unterwarf, keineswegs «die schwere Artillerie der wohlfeilen Preise ihrer Waren», mit denen Marx und Engels im Kommunistischen Manifest die Bourgeoisie alle chinesischen Mauern metaphorisch in den Grund schießen lassen. Im Gegenteil, die Unfähigkeit der britischen Händler, mit legalen Methoden in den chinesischen Markt hereinzukommen, war der unmittelbare Grund für den Einsatz militärischer Gewalt. Später hat sich Marx in dieser Hinsicht korrigiert, und er bezeichnet im Kapital «die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft» als «Geburtshelfer» zur Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise, wobei er auch die Opiumkriege erwähnt, und die Gewalt selbst eine «ökonomische Potenz» nennt.

Kapitalismus in China?

In militärischer Gewalt sieht Arrighi auch den Hauptgrund dafür, dass nicht China, sondern Japan als erstes ostasiatisches Land nach dem Zweiten Weltkrieg den ökonomischen Wiederaufschwung schaffte. Im Zuge der Schwächung Chinas durch den westlichen Imperialismus schien es Japan mit seinem Sieg im chinesisch-japanischen Krieg 1894 und im Krieg mit Russland 1904/1905 sowie der Kolonialisierung Koreas 1910 gelungen zu sein, alte Bestrebungen nach einer vorherrschenden Rolle in Ostasien zu verwirklichen und in den Kreis der imperialistischen Großmächte aufzusteigen. Mit seiner Niederlage 1945 musste es diese zwar zugunsten der Anerkennung der hegemonialen Rolle der USA in Asien aufgeben, aber der katastrophische Zusammenbruch des chinesischen Staates bis zur Revolution von 1949 ließ die chinesische Ökonomie für ein halbes Jahrhundert weiter zurückfallen.

Im abschließenden Kapitel seines Buchs fragt Arrighi nach den sozialen Gründen und Widersprüchen des Aufstiegs China in den letzten zwanzig Jahren. Motor dieses Aufstiegs waren nicht ausländische Direktinvestitionen, vielmehr sprang das Kapital aus den Industriemetropolen relativ spät auf den fahrenden Zug auf. Finanzielle Hauptquelle für den Aufstieg waren Gelder aus der chinesischen Diaspora in Ostasien, die von Deng Xiaoping dazu ermuntert worden war, in China zu investieren. Ebenso falsch ist der von heute aus gewonnene Eindruck, der Aufstieg Chinas habe sich vor allem über den Export vollzogen. Der Boom des Exports ist für Arrighi eine relative späte Episode in der Geschichte dieses Aufschwungs und zeigt, dass das westliche Kapital sehr viel stärker auf China angewiesen war (und ist), als China auf dieses Kapital.

Um zu zeigen, dass der heutige Aufstieg Chinas mit Elementen der früheren Strukturen einer nicht-kapitalistischen aber auf Märkten basierenden Nationalökonomie verbunden ist, widerlegt Arrighi zunächst die Vorstellung, China habe sich dem neoliberalen Credo angeschlossen, Deng Xiaoping sei also nur das chinesische Pendant zu Reagan und Thatcher gewesen. Der Erfolg Chinas, so gestehen auch führende Ökonomen ein, beruhte darauf, dass die Lehren des Neoliberalismus nicht befolgt und die Kapitalmärkte nicht dereguliert wurden. Anders als Russland und andere postsozialistische Staaten vermied China bewusst eine Schock-Therapie, die vom IWF und anderen Weltfinanzinstitutionen so dringend angeraten wurde. Ausländisches Kapital wurde willkommen geheißen, aber es musste sich einer starken Regulierung im Sinne der Entwicklung der nationalen Ökonomie unterwerfen – das galt auch für den Hauptgeldgeber, die chinesische Diaspora. Diesen Kapitalisten ist es in keiner Weise gelungen, sich den chinesischen Staat zu unterwerfen. Angesichts der Rolle, die China mittlerweile selbst als globaler Kreditgeber spielt, wäre es ebenso unsinnig zu behaupten, der chinesische Regierungskurs würde wie in anderen Ländern des Südens von den globalen Finanzmärkten diktiert.

Parallelen zur nicht-kapitalistischen Marktwirtschaft von Adam Smith sieht Arrighi auch in der Förderung der Konkurrenz unter den Kapitalisten, die in China zu ständiger Überakkumulation und dem Druck auf die Profitrate führt – was landläufig als Chinas «Dschungelkapitalismus» charakterisiert wird. Natürlich ist das mit all den Phänomenen von Entlassungen, Überausbeutung und Wanderarbeit verbunden, die immer wieder herausgestellt werden. Trotzdem hält er es für bemerkenswert, dass die chinesische Regierung sich nicht in der Weise einer neoliberalen Industrialisierungspolitik verschrieben hat wie andere Länder des globalen Südens, die alle sozialen Rechte oder Errungenschaften der ländlichen und urbanen Arbeitskräfte auf dem Altar des internationalen Profits opfern. Das zeige sich auch an der Sensibilität, mit der die chinesische Regierung auf die zunehmenden Rebellionen und Streiks reagiert oder reagieren muss. «Die Revolution und der Sprung in die Moderne» – so zitiert Arrighi aus einem Text seines Freunds Samir Amin von 2006 – «haben die Menschen in China stärker verwandelt als in irgendeinem anderen Land der Dritten Welt: Sie haben Selbstvertrauen und sind weitgehend frei von Unterwürfigkeit. Soziale Kämpfe sind ein alltägliches Bild, sie gehen in die Tausende und enden keineswegs immer mit Niederlagen.» Wenn das internationale Kapital heute schon über Arbeitskraftengpässe in China jammert, dann sieht Arrighi darin auch eine Folge der Verbesserung der Lebenssituation auf dem Land und im Bildungswesen, mit der die Regierung den zunehmenden Protesten zu begegnen versucht. Es gäbe zwar viele ArbeiterInnen in China, erklärte im April 2006 ein renommierter Anlageberater, aber das Angebot an unausgebildeten Arbeitskräften gehe zurück. «Die chinesischen ArbeiterInnen steigen in der Wertschöpfungskette schneller empor, als die Leute gedacht haben.»

Ausgangspunkt des Wirtschaftsaufschwungs war nach Arrighi nicht die Exportindustrie sondern die Produktionssteigerung in der Landwirtschaft – auch dies eine Parallele zum «natürlichen» Entwicklungspfad von Adam Smith. Mit den Wirtschaftsreformen von 1978 bis 1983 wurden die Entscheidungen und die Kontrolle über die landwirtschaftliche Produktion von den Kommunen auf die Bauernfamilien übertragen und die Erzeugerpreis deutlich angehoben. Dies verstärkte frühere Ansätze einer Kleinindustrie auf dem Lande, was von der Regierung unter der Parole «Die Felder verlassen, ohne die Dörfer zu verlassen» gefördert wurde. Das Ergebnis war eine ländliche Industrialisierung lange vor dem Exportboom. Auf dem Land und in Kleinstädten entstanden Industriebetriebe im Kollektivbesitz, die sogenannten «Township and Village Enterprises» (TVEs). Zwischen 1978 und 2003 stieg die Zahl der nichtlandwirtschaftlichen Arbeitskräfte auf dem Land von 28 auf 176 Millionen, von denen die meisten in TVEs arbeiteten. Von 1980 bis 2004 entstanden in den TVEs vier mal mehr Arbeitsplätze als in diesem Zeitraum in den Staats- und Kollektivbetrieben verloren gingen. Von dieser Dynamik der ländlichen Unternehmen sei die chinesische Regierung selber völlig überrascht gewesen. Im Nachhinein, so Arrighi, lasse sich vielleicht sagen, dass die Kleinindustrie auf dem Land ebenso zentral für den Aufschwung Chinas gewesen sei, wie es die Entwicklung der großen, vertikal integrierten Unternehmen in den USA für deren Herausbildung einer globalen industriellen Überlegenheit war. Für die marxistische Schulweisheit verblüffend ist daran noch etwas anderes: Dieser Typus der industriellen Entwicklung beruhte nicht auf einer vorhergehenden Trennung der Produzenten vom Land als ihrem zentralen Produktionsmittel. Auch die Bauern, die in die ländlichen Fabriken strömten, behielten den Anspruch auf ihr Land, was den TVEs im Verhältnis zu den städtischen Fabriken Wettbewerbsvorteile verschaffte, da sie in geringerem Umfang für die Reproduktionskosten der Arbeitskraft zahlen mussten. Einige sehen hierin einen vom westlichen Modell abweichenden Typ der Akkumulation – nämlich Akkumulation ohne Enteignung des Lands –, während im marxistischen Konzept der «ursprünglichen Akkumulation» die Lostrennung vom Land zwingende Vorbedingung jeder kapitalistischen Akkumulation ist. Verbunden damit scheint Arrighi eine weitere Besonderheit des chinesischen Entwicklungspfads zu sein, die er als hohe Selbstverwaltungsfähigkeit der chinesischen ArbeiterInnen bezeichnet. Im Vergleich zu westlichen Standards sei die Zahl der Führungskräfte in chinesischen Fabriken lächerlich gering. Ob dies lediglich dem chinesischen Kapital und den in China investierenden multinationalen Firmen Wettbewerbsvorteile verschafft, oder ob darin schon Ansätze einer nichtkapitalistischen Ökonomie und günstigere Bedingungen für die Durchsetzungsfähigkeit von Klassenkämpfen liegen, ist nach Arrighi heute eine offene Frage. Er hält es aber für voreilig, schon von einem Sieg des Kapitalismus in China zu sprechen: Unter dem Staatschef Jiang Zemin (1989-2002) wies die Regierungspolitik eindeutig in die kapitalistische Richtung, aber seine Nachfolger Hu Jintao und Wen Jiabao reagieren wieder stärker auf das Problem der dramatisch zunehmenden sozialen Ungleichheit und die zunehmenden Spannungen und Kämpfe in der Gesellschaft.

Weltpolitische Perspektiven

Was in China passiert und welche Rolle China innerhalb des kapitalistischen Weltsystems spielen wird, ist für die Zukunft der Revolution aus zwei Gründen von entscheidender Bedeutung. Arrighi nennt China den eigentlichen Gewinner des von den USA geführten «Krieg gegen den Terror», weil das Debakel im Irak die ökonomische und politische Führungsrolle der USA schneller und dramatischer in Frage gestellt hat, als wir es uns hätten vorstellen können. Die aktuellen Zeitungsmeldungen zu den dramatisch anschwellenden Folgen der geplatzten Immobilienblase in den USA lesen sich wie eine klare Bestätigung seiner These. Mit dem Wegfall einer hegemonialen Macht des kapitalistischen Weltsystems, die gleichermaßen Geldschöpfer und militärische Gewalt in letzter Instanz ist, fehlt dem Kapitalismus als solchem der Rahmen, den er für den Fortgang der «endlosen Akkumulation» braucht. In ähnlichen Krisen oder Zusammenbrüchen der jeweils führenden kapitalistischen Ordnungsmacht hat sich in den letzten 500 Jahren immer wieder eine neue Macht durchgesetzt, die durch eine räumliche und soziale Ausweitung der Verwertungsdimensionen einen neuen Aufschwung der Akkumulation einleiten konnte. Aber im kapitalistischen Modell beruhte jeder dieser Aufschwünge in hohem Grad auf einer Externalisierung von Kosten: Die jeweils führende Produktions- und Lebensweise war immer nur für einen kleinen Teil der Menschheit mit sozialen Verbesserungen und Wohlstand verbunden. Das Dilemma zeigt sich heute in China stärker als in irgendeinem anderen Fall nachholender Industrialisierung: Der «American Way of Life» ist mit zu vielen sozialen und ökologischen Verwüstungen verbunden, als dass er für ein Land, in dem ein Fünftel der Menschheit lebt, eine Option sein kann. Der Aufstieg Chinas zur führenden Wirtschaftsmacht der Welt, wirft daher objektiv das Problem auf, eine Alternative zu der bisherigen industriekapitalistischen Entwicklung zu finden, wie sie sich in den letzten Jahrhunderten der Welt auf recht gewaltsame Weise aufgezwungen hat. Arrighi sieht in den Traditionen einer auf dem Markt basierten Entwicklung von Akkumulation ohne Enteignung Ansatzpunkte einer solchen Alternative – deren Verwirklichung für ihn in erster Linie von der Entwicklung der Klassenkämpfe in China, aber auch in anderen Teilen der Welt abhängt. Denn die globale Barbarei ist nach wie vor eine historische Option – auch das behandelt Arrighi ausführlich in der Darstellung der verschiedenen Strategien zur Eindämmung Chinas, die in der herrschenden Klasse der USA entworfen und diskutiert werden.

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Adam Smith in Beijing ist nicht immer eine einfache Lektüre und die Darstellung auf über 400 Seiten (die für den Winter von VSA angekündigte deutsche Übersetzung soll über 500 haben) geht oft sehr gewundene Wege. Die Argumentation wechselt von streckenweise langwierigen theoretischen und theoriegeschichtlichen Überlegungen zu historischen und ökonomischen Darstellungen, die den Rahmen eines halben Jahrtausends aufspannen, und kommt dann wieder zu tagesaktuellen Auseinandersetzungen über den Irak oder die Militärstrategie der USA. Beeindruckend ist auf jeden Fall, wie er diese verschiedenen Ebenen immer wieder zusammenbringt, aber nicht alle werden mit allen Teilen gleich viel anfangen können – wie der Autor einleitend selber einräumt. Da er mit dem Buch den Doppelzweck verfolge, die chinesische Entwicklung durch die Theorie von Adam Smith besser zu verstehen, und umgekehrt Adam Smith im Lichte Chinas neu zu bewerten, werden je nach Leseinteresse der eine oder andere Teil des Buchs etwas überflüssig erscheinen. Hinzu kommt, dass der Band zum Teil aus bereits früher veröffentlichten Artikeln, die nur leicht überarbeitet wurden, zusammengesetzt ist. Das betrifft die beiden mittleren Teile, in denen er sich lang und breit mit der Erklärung der krisenhaften Stagnation in den letzten dreißig Jahren beschäftigt («Tracking Global Turbulence» / The Social and Political Economy of Global Turbulence, NLR 2003) und dem Niedergang der USA durch den Irak-Krieg nachgeht («Hegemony Unraveling» / Hegemony Unravelling, Teil 1 und Teil 2, NLR 2005). Dass er seine eigene Darstellung immer in dichter Auseinandersetzung mit anderen marxistischen Theoretikern des Kapitalismus wie Robert Brenner oder David Harvey entwickelt, scheint seine Argumentation manchmal unnötig umständlich zu machen, verleiht ihr aber auch die Lebendigkeit einer Debatte und macht viele seiner Argumente erst richtig deutlich – zumal es sich um Texte handelt, die in den letzten Jahren im Zentrum der Diskussion innerhalb der Linken gestanden haben. Arrighi liebt es, zu provozieren und zu verblüffen. Auch wer ihm nicht in allen Punkten folgen will, muss anerkennen, dass diese theoretische Leidenschaftlichkeit dazu anregt, eingefahrene Denkgleise zu verlassen und über bestimmte Fragen noch einmal ganz anders nachzudenken. Und immer wieder zwingt er uns und seine Diskussionspartner, die wirkliche Geschichte ernst zu nehmen. Theorien haben ihre historische Bedingtheit, sie werden zu falschen Abstraktionen, wenn sie dies nicht sehen. Das gilt auch für ihre räumliche Bedingtheit, die gerade von den westlichen Sozialwissenschaften nur zu gerne übersehen wird. Arrighi, dessen wissenschaftliche Laufbahn in den sechziger Jahren in Afrika, zur Zeit und im Milieu der revolutionären Befreiungsbewegungen von Angola, Mozambique und dem damaligen Rhodesien, begann, hat zusammen mit Beverly Silver («Forces of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870») und anderen so etwas wie den «operaistischen» Flügel der Weltsystemtheorie begründet. In der Einleitung von Adam Smith in Beijing streift er kurz das Problem, dass sich im Zuge der Revitalisierung der Marxschen Kapitalismuskritik in den sechziger Jahren ein unüberwindbarer Graben zwischen denen auftat, die in der Ausbeutung der ArbeiterInnen durch das Kapital den zentralen Widerspruch des Kapitalismus sahen, und denjenigen, die das barbarische Missverhältnis von Reichtum im Norden und Armut im Süden in den Mittelpunkt stellten. Mit seinen Forschungen zur Dialektik von globalem Staatensystem und Klassenkämpfen versucht Arrighi diesen Graben zu überwinden. Er weist auf die bedingte Reichweite von Theorien hin, die diese zwei Dimensionen der Weltgeschichte des Kapitalismus nicht in ihrem inneren Zusammenhang begreifen können.

Wirklich neu ist in Adam Smith in Beijing, abgesehen von den theoretischen Überlegungen zum verkannten Adam Smith, seine Untersuchung der Geschichte in Ostasien, und an einigen Stellen hat er auch seine in früheren Büchern (von denen keines in deutscher Übersetzung vorliegt) dargestellten Thesen weiterentwickelt. Bei allen Schwierigkeiten, die der Text im Einzelnen bieten mag, die Lektüre lohnt sich für alle, die über die Zukunft bzw. den Weg zum baldigen Ende des kapitalistischen Weltsystems nachdenken. (cf)

 

Giovanni Arrighi: Adam Smith in Beijing.
Lineages of the Twenty-First Century.
Verso, London, 2007, 420 S., ca. 40 Euro
ISBN 978-1-84467-104-5

Giovanni Arrighi. Adam Smith in Beijing.
Die Genealogie des 21. Jahrhunderts.
VSA-Verlag, Hamburg, Januar 2008, 528 S.
36,80 Euro, ISBN 978-3-89965-203-1

 

Siehe auch:

Interview mit Giovanni Arrighi von 2005: Die Weltgeschichte an einem neuen Wendepunkt?

Entwicklungslinien des Empire, Giovanni Arrighi's kritische Anmerkungen zu Empire von Hardt/Negri

Giovanni Arrighi: Hat die Arbeiterbewegung noch eine Zukunft? in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhundert, Heft 2/2000

Giovanni Arrighi: Der globale Markt. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Anfang und dem Ende des 20. Jahrhunderts

Giovanni Arrighi / Beverly Silver: Workers North and South, in: Socialist Register 2001

und weitere Hinweise im Dossier zu »Forces of Labor«



aus: China-Beilage Wildcat 80, Dezember 2007



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